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Was ist Wahrheit?

Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (Johannes 18,37-38)

Am frühen Morgen des Karfreitags stellt Pontius Pilatus, der römische Statthalter in Jerusalem, im Gespräch mit Jesus die Frage nach der Wahrheit. Mich erinnert diese Szene sofort an die hinter uns liegende siebenwöchige Fastenzeit. Die Evangelische Kirche hatte sie unter das Motto gestellt: „Mal ehrlich – 7 Wochen ohne Lügen“. Sieben Wochen lang haben lang haben wir gemeinsam ergründet, was die Wahrheit eigentlich ist und wie wir sie erkennen. Jeden Tag mit einem neuen Impuls aus dem Fastenkalender. Kein Wunder also, dass ich an dieser Frage hängenbleibe.

„Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus also. Weiter heißt es bei Johannes: „Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?“ (Johannes 18,38-39).

Durch die Zeilen ist zu spüren, wie innerlich zerrissen Pilatus ist. Er findet an diesem von der Folter gezeichneten Wanderprediger einfach keine Schuld. Draußen aber schreit und tobt die Menge und er spürt, ihre Wut könnte sich möglicherweise gegen ihn selbst richten, wenn er den Wanderprediger freilässt. Der römische Statthalter entscheidet sich für den ungefährdeten Machterhalt – gegen die Faktenlage.

Was ist Wahrheit? Womöglich etwas, das nur im Auge des Betrachters liegt? Etwas, dass man ignorieren und ausblenden kann?

Der Begriff „alternative Fakten“ ist von einer Jury zum Unwort des Jahres 2017 gewählt worden. Geprägt hat ihn Kellyanne Conway, eine Beraterin von Donald Trump. Sie bezeichnete die falsche Tatsachenbehauptung, bei der Amtseinführung des Präsidenten seien so viele Feiernde auf den Straßen gewesen wie nie zuvor bei dieser Gelegenheit, als „alternative Fakten“.

Wer die Macht hat, braucht sich um falsch oder richtig nicht zu scheren. Weder damals, bei dem Verhör Jesu vor Pilatus, noch heute, im 21. Jahrhundert. Der Theologe und Philosoph Frank Hofmann schreibt: „Der zwischen Wirklichkeit und Eigeninteresse schwankende Pontius Pilatus wirkt wie ein antiker Vorbote unseres heutigen „postfaktischen“ Zeitalters, in dem die Wahrheit zum Spielball politischer Interessen geworden ist“ (aus: andere zeiten, 1/2019, 18).

„Alternative Fakten“ wurde zwar zum Unwort des Jahres gewählt; sie verbreiten sich aber trotzdem ungehemmt in alle politischen Richtungen. Heute über Twitter und Facebook, damals als Klatschgeschichten am Dorfbrunnen oder auf den Marktplätzen. Auch Jesus wurde in der Darstellung des Johannesevangeliums Opfer einer Verschwörungstheorie: „Wenn er weiter so erfolgreich die Leute verführt“, orakeln die um ihren Einfluss besorgten Pharisäer, „werden alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute“ (Johannes 11,48). Die führenden Jerusalemer Kreise schürten Ängste in der Bevölkerung – die dann Jesu Kreuzigung forderte.

Was sagt die Bibel noch über die Wahrheit?

Im zweiten Buch Mose, Kapitel 1, widersetzen sich die Hebammen dem Befehl des Pharaos, alle männlichen Babys sofort nach der Geburt zu töten. Es heißt in der Folge sogar: „Und Gott ließ es den Hebammen gut gehen.“

Im ersten Johannesbrief heißt es: „Lasst uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit!“ Wahrheit und Liebe – sie gehören eng zusammen. In der Wahrheit zu leben heißt auszustrahlen, wovon wir sprechen. Prüfen, ob sie auch im Dienst der Nächstenliebe steht und sich nicht von Eigeninteressen korrumpieren lässt.

Jesus hat mit seinem Leben diese Wahrheit vorgelebt. Er hat dafür alles riskiert. „Da überantwortete Pilatus ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde“ (Johannes 19,16). „Es ist vollbracht“, sind seine letzten Worte (19,30).

Selbst im Sterben, als Opfer brutaler Macht, verliert Jesus nicht seine Würde. Diese Würde kommt ihm, dem Wahrhaftigen, von Gott zu, sie kann ihm niemand rauben. In der Würde Jesu drückt sich die Gewissheit aus, dass jeder Mensch – wie Jesus – eine eigene unzerstörbare Würde hat, die keine irdische Macht jemals zerstören kann!

Marion Greve

Ein Gedanke zu „Was ist Wahrheit?

  1. Christós anésti-Christos alithós anésti ist die österliche Antwort auf die
    Pilatus-Frage-nichts anderes! Frohe Ostern. E.S. Essen-Heisingen.

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