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War der Apostel Paulus intolerant?

War der Apostel Paulus intolerant? Das ist eine sehr schwierige Frage, die mancherorts diskutiert wird. Ich nähere mich ihr mit äußerster Vorsicht und Umsicht. Ist man sich doch im Urchristentum schon darüber klar, wie schwer „der liebe Bruder Paulus“ zu verstehen ist (vgl. 2. Petrus 3,15f.). Aber wir haben ja aus der Aufklärung gelernt, dass es unsere Aufgabe ist, das Schwierige einfach zu sagen.

Als erstes wird fast immer auf seine Haltung zu seinem Herkunftsvolk, den Juden, hingewiesen. Der Apostel steht auf der langen Liste der judenfeindlichen Äußerungen, die bis in unsere Zeit hineinreicht – siehe Aussagen von Rudolph Augstein, Martin Walser und anderen –, in vorderster Linie (vgl. 1. Thessalonicher 2,15). Das Judaismus-Problem ist eminent wichtig. Es soll aber mit Verweis auf die Erklärung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) von 1980 hier nicht näher diskutiert werden.

Unsere Landeskirche ist eine Art Vorreiter gewesen. Im Januar 1980 fasste die Landessynode einen Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden unter dem Grundsatz des Apostels aus Römer 11,18b: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Im Blick auf Paulus nennt die Landessynode in 2,2 als einen Grund: „Neue biblische Einsichten über die bleibende, heilgeschichtliche Bedeutung Israels (z.B. in Römer 9-11), die im Zusammenhang mit dem Kirchenkampf gewonnen worden sind.“ Das muss hier genügen.

Nicht weniger wichtig und interessant ist seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht, zu den Frauen. Dabei ist es genauso interessant, wie die Kirchen über bald zweitausend Jahren auf Sätze des Apostels reagiert haben. Diese Paulus zugeordneten Worte sind  die folgenreichsten Worte des Apostels aus 1. Korinther 14,34f.: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden,  sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt“(1. Mose 3,16).

Diese unechten Paulussätze (warum, werden wir sehen) haben in den christlichen Kirchen der Orthodoxie, des römischen Katholizismus und den Kirchen der Reformation unselige Früchte hervorgebracht und bringen sie – Gott sei es geklagt – immer noch hervor. Der Satz: „Die Frauen tragen die Kirche, die Männer leiten sie“ gilt durch die Jahrhunderte bis heute ungebrochen.

Etwa 500 Jahre nach Martin Luthers Tod 1546 begann nach dem Zweiten Weltkrieg in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine neue Zeit. Die Teilnahme der Frauen am kirchlichen Leben auf fast allen Ebenen wurde in einer bis dahin nicht erlebten Weise Wirklichkeit. 1978 bis 1988 gab es sogar eine Dekade der „Solidarität der Kirchen mit den Frauen“, selbstredend von den beiden alten Kirchen nicht mitgetragen, aber vom Ökumenischen Rat der Kirche (ÖRK; Weltrat der Kirchen) ausgerufen. Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche ist zum Synodenthema geworden. Irgendwie toll.

Aber der Weg der Frau als Theologin bis zur Ordination ist weiterhin steinig gewesen.  Die Frauen-Ordination und die Ausübung des Pfarrerinnenberufs hat sich inzwischen nach dornigen Jahrzehnten in allen Kirchen der EKD durchgesetzt. Die beiden alten Kirchen sind noch weit davon entfernt. 2018 gibt es in der EKD rund 14.000 Pfarrer und 7.000 Pfarrerinnen. In vielen Landeskirchen sind Frauenreferate eingerichtet worden. Einige Landeskirchen haben in ihre Kirchenordnungen Gleichstellungsartikel nach dem Muster von Artikel 3 unseres Grundgesetztes aufgenommen und kirchliche Gleichstellungsgesetze beschlossen. Halleluja!

Wir werfen jetzt einige Blicke ins Urchristentum. Die Lebenswelt, die in den Schriften des Neuen Testaments zur Sprache kommt, trägt sehr unterschiedliche Züge. In der Jesus-Überlieferung ist die Welt des Hauses mit Hausarbeit, Heirat und Kinder, Krankheit, Tod und Armut vorherrschend. Jesus pflegte aber auch Umgang mit Frauen von zweifelhaftem Ruf und verteidigte sie. Das sahen die Kirchen bis in unsere Zeit mit Unwillen und Misstrauen gegen die textlichen Zeugnisse. Alleinstehende und verheiratete Frauen (z.B. Johanna, vgl. Lukas 8,1ff., und zum Ganzen: Elisabeth Moltmann-Wendel: Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus. Gütersloher Verlagshaus 1980, viele Auflagen) schlossen sich ihm an. Kurt Marti machte eine wichtige Bemerkung: „Zu den historischen Bedingtheiten der biblischen Schriften gehört auch, dass sie von Männern verfasst worden sind. Wie z.B. sähe eine Geschichte Israels aus, geschildert, geschrieben aus der Perspektive der weder waffen- noch gottesdienstfähigen Frauen und Müttern?“ Umgekehrt verließ Petrus seine Frau und sein Haus, um Jesus nachzufolgen. Er (und andere Apostel sowie die Brüder des Herrn) haben aber ihre Frauen später zu Recht auf die Missionsreisen mitgenommen, wie Paulus bezeugt (vgl. 1. Korinther 9,5).

Paulus war von Beruf Zeltmacher, ein harter Beruf. In Korinth hat er Mitarbeiter (Römer 16,3) im Glauben und in seinem Beruf gefunden: das judenchristliche Ehepaar Prisca (Priscilla) und Aquila, die von Kaiser Claudius aus Rom vertrieben worden waren. Die erblindete Theologin Susanne Krahe hat in ihrem Buch „Das riskierte Ich. Paulus aus Tarsus. Ein biographischer Roman“, Kaiser Verlag 1991, der besonderen Beziehung des Apostels zu diesem Ehepaar ein unvergessliches Kapitel gewidmet (S. 183ff.). Priscilla ist in „ihrer Partnerschaft nicht erstickt“, so Elisabeth Moltmann-Wendel, Mutter von vier Töchtern; 2016, kurz vor ihrem 90. Geburtstag gestorben (siehe oben, S. 144). Während seiner Gefangenschaft in Ephesus (wo sie sich wiedergetroffen haben) ist Paulus die vertraute Zeltmacherin ein liebevoller, unendlicher Trost gewesen.

Jesu Zuwendung zu den Frauen war sehr verschieden und auch ungewöhnlich. Der lukanische Bericht von der Salbung durch die Sünderin (Lukas 7,36 ff.) gipfelt in seinem Zuspruch: „Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden.“ Johannes (4,1-42) berichtet von seiner lehrend-befreienden Begegnung mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen. Schützend-helfend ist seine Haltung bei der Salbung durch eine Frau im Hause Simons des Aussätzigen (wer ging dahin? vgl. Matthäus 26,6ff.). „Sie hat ein gutes Werk an mir getan“ (V., 10b).

Eine der eindrücklichsten Heilungsgeschichten berichtet Lukas in 13,10ff. Jesu Freiheit zeigt sich an der Heilung einer seit ihrem 18. Lebensjahr gekrümmten Frau am Sabbat in einer Synagoge. Sie kann nicht einmal hochgucken. Das Sabbatgebot ist radikal. Jesus heilt sie und sie kann sich wiederaufrichten. Dem protestierenden Synagogenvorsteher antwortet er: „…sie ist eine Tochter Abrahams“! Dies Wort sprengt alle männlichen Heilshoffnungen. Das griechische Wort anakýptein = aufrichten kommt auch in Lukas 21,28 vor: „Seht auf und erhebet die Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Jesus richtet körperlich und seelisch auf. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Töchtern und Söhnen Abrahams. Bei ihm gilt der aufrechte Gang beider Geschlechter.

Ich blicke im Folgenden genau auf Kapitel 14 des 1. Korintherbriefs, in welchem das oben zitierte, folgenreichste Wort des Apostels steht. Thema des Kapitels ist: Zungenrede und Prophetie. Ich zitiere die grundlegenden Verse 1-4: „Trachtet nach der Liebe! Strebt nach den Geistesgaben, besonders aber nach dem Prophezeien! Denn der Zungenredner redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand   versteht ihn, sondern er redet in seinem Geist Geheimnisse. Der Prophezeiende aber redet für Menschen Erbauung, Ermahnung und Zuspruch. Der Zungenredner erbaut sich selbst, der Prophet erbaut die Gemeinde. Paulus denkt also bei der Prophetie nicht – wie wir denken könnten – an Weissagung von Zukünftigen, sondern predigtartig an Erbauung (0ikodomé), Auf-Erbauung der und Zuspruch und Trost für die Gemeinde.

Diese Verse enthalten schon den Konflikt, den der Apostel in Korinth ausfechten muss. Die Liebe (agápe) muss der Weg und das Ziel, die Basis von allem sein, was in der Gemeinde geschieht (V.1; vgl. Kp. 13). Die Glossolalie (die Zungenrede) hat in Griechenland eine berühmte Tradition. In Delphi redet die Pythia, die von der Gottheit inspiriert ist, Worte, die sie selbst nicht versteht. Die Priester müssen ihr Gestammel dolmetschen. Die Pythia redet voll des Gottes zu den Menschen, die Rat in Orakel von Delphi suchen. Auch der oder die Glossolale ist zunächst Gott zugewandt. Erst durch  Vermittlung eines Menschen, eines Übersetzers, reden die Glossolalen zu den Gemeindegliedern. Diese hören ihn oder sie, aber sie verstehen nichts, die Zungenredner reden nämlich in „Geheimnissen“ (mystéria – V.2). Paulus kritisiert das sehr.

In seiner Kritik holt er weit aus. „Es gibt viele Arten von Sprache in der Welt und nichts ist ohne Sprache“ (V. 10) Und jetzt kommt´s: „Wenn ich die Bedeutung der Sprache nicht kenne, dann werde ich dem Redenden Barbar sein, und der Redende wird für mich Barbar sein“ (V. 11f.). Barbaren sind seit Homer die Fremden, Ausländer, die nicht Griechisch sprechen. Griechen können sie nicht verstehen und umgekehrt auch nicht. Ziemlich aktuell!

V. 12 ff.: „So auch bei euch… Wer also in Zungen redet, der bete, dass er´s auch auslegen könne… Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der die die Stellung des Laien (Unkundiger bei Luther – griechisch: idiótes) innehat, das Amen auf dein Gebet sprechen? Er weiß ja nicht, was du sagst…“ Jetzt kommt der Apostel in Hochform: „In der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, um auch andere [gleichsam die Barbaren; von mir hinzugefügt] zu unterweisen, als unzählige Worte in Zungenrede.“

1978 nahm sich der Kenner der Pfingst- und Charismatischen Kirchen, Professer Walter J. Hollenweger (gest. 2016), in seinem Büchlein „Konflikt in Korinth und Memoiren eines alten Mannes“, Kaiser Verlag, unserer Frage an. Hier hat Hollenweger  ein „narratives  Kabinettstück“ abgeliefert zu unserm Kapitel. Sein Lehrmeister ist damals schon Professor Jörg Theißen (Heidelberg) gewesen, der zum Apostel jüngst sein „narratives Meisterstück“ unter dem Titel „Der Anwalt des Paulus“ (Gütersloher Verlag 1917) veröffentlicht hat. Historisch-kritisch basiert Hollenweger vornehmlich auf Professor Hans Conzelmann („Der erste Brief an die Korinther“, Göttingen 1969).

Zunächst gilt es, einen Grundsatz des Paulus zu beachten aus Kapitel 11, in dem es um die Frau im Gottesdienst und um das Abendmahl des Herrn geht. In V. 5 sagt er: „Eine Frau, die betet und prophezeit…“ Der Teil des Verses gilt und spricht eine grundsätzliche Gleichberechtigung aus, auch was ihre Bekleidung des Hauptes in der Gemeinde und in der Öffentlichkeit angeht (darum geht es in V. 1-16).

Aber es gibt da eine Frau, die den Apostel ärgert. Das ist die „rote Chloe“. Den Ärger malt Hollenweger wunderbar aus. Doch der Apostel ist weit davon entfernt, der roten Chloe und ihrer glossolalischen Gruppe den „Mund zu verbieten“! Ich muss es also leider bei diesen kurzen Andeutungen belassen.

Doch jetzt kommt´s: der Abschnitt 33b-36, in welchem das Schweigewort steht, stört den Gesamtzusammenhang der Zungenrede und Prophetie und stört den Verlauf der Darlegung. Er ist eine „Interpolation“, eine Einfügung in den Text aus späterer Zeit. Darin sind sich historisch-kritische und feministische Forschung einig, eine für viele sei genannt: Professorin Luise Schottroff (gestorben 2015).

Wer hat diese Einfügung in den Text zu verantworten? Die beginnende unselige, zweitausendjährige Tradition mit den sogennanten Pastoralbriefen (1./2. Timotheusbrief und Titus-Brief). In diesen Briefen aus der „Schule des Paulus“ führen die Männer das Wort, wie es sich der Tradition nach gehört, vor allem die „Aufseher“ (epískopoi = Bischöfe), z.B. 1. Timotheus 2,11-12: „Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still.“ Na also!

Das sind die Interpolierer, die Texteinfüger. Und gleich am Anfang steht die örtliche, die „ökumenische“ Dimension: „in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen“ (= still sein!!) (V. 34a).

Nicht bei Paulus, dem Apostel der Völker, fing demnach die unselige zweitausendjährige Tradition an, sondern im Urchristentum in seiner Nachfolge, die ihn nicht mehr verstehen konnte. In anderen, wichtigen Auslegungsfragen des Paulus ist es in der Alten Kirche durch die Jahrhunderte ähnlich verlaufen.

Zum Schluss weise ich auf einen anderen Kenner hin: Professor Wolfgang Harnisch aus Marburg. 1997 veröffentlichte er in den „Publications de l´Académie international des Sciences religieuses“ einen grundlegenden Aufsatz: „Toleranz im Denken des Paulus? Eine exegetisch-hermeneutische Vergewisserung“.  Er hat sein Ziel in dem überzeugen-den Satz: „Die Liebe als gesteigerte Toleranz des Glaubens“ (S. 178ff.).

Denken wir an das Hohelied der Liebe in 1. Korinther 13 und den ersten Satz von Kapitel 14: „Folgt der Liebe nach…“ Sie ist allein der Weg und das Ziel.

Eckhard Schendel