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Von erfüllten Wünschen und enttäuschten Hoffnungen

Dreißig Jahre Abitur und ein großes Fest ist geplant. Wie wird es sein, wenn man sich wiedersieht? Kenne ich noch alle Namen? Sind auch wirklich alle da? Immerhin: von 106 Absolventen haben sich 73 angemeldet. Das letzte Treffen war vor zehn Jahren. Die Erinnerungen daran sind noch sehr lebendig. Wer wird kommen? Wie wird die Stimmung sein? Manche leben jetzt weiter weg. Einige im Ausland, auch in anderen Bundesländern… ich selber wohne auch nicht um die Ecke. Wie ist das Leben für die Mitstreiter gewesen in den letzten zehn Jahren? Aufregend, eine Mischung aus Vorfreude und Unsicherheit…

Und: was zieht man eigentlich an? Zehn Jahre zuvor war es ziemlich schick. In Anzug und Krawatte, manche im Kostüm. Und ehrlich gesagt, manche Gespräche waren auch ganz schön zugeknöpft und sich präsentierend: „Ich bin jetzt das und das…“, „Ich will noch das erreichen…“, „Ich habe das und das geschafft…“, „Ich werde das versuchen, ich bin jetzt fein raus…“ Feiner Zwirn, auch nach außen hin.

Vor zehn Jahren war der Jahrgang 1967/1968 noch zehn Jahre jünger und ich natürlich auch. Wie wird es jetzt sein, zehn Jahre später? Nein, in diesem Jahr wird es das Polohemd, dazu Jeans und bequeme Sportschuhe für ein sommerliches Treffen. Und – ich war bei weitem nicht allein damit. Zehn Jahre Lebenserfahrungen sind an Menschen nicht vorbeigegangen. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen. Freizeitkleidung passte vielen besser. Man war vielleicht mehr bei sich und seinem Leben. Das Jackett hatte bei vielen ausgedient.

Auch die Gespräche waren mit vielen anders als damals. Erfahrener vielleicht. Da wollte eine zunächst nicht kommen, weil sie gerade in einer großen Krise steckt, sie hatte Angst, das Gesicht zu verlieren. Manch einer ist leise geworden, der vorher laut war. Manch einer ist auch entspannter geworden. Manch eine stand aber auch mächtig unter Druck und versuchte heftig, sich dafür zu rechtfertigen, was anders verlaufen war als von ihr geplant. Ja, das Leben hat Spuren hinterlassen, auch wenn Manches gleich geblieben ist. Und in zehn Jahren wird es noch ganz anders sein.

Einerseits habe ich viel Gelassenheit erfahren, ein sich Arrangieren mit dem Leben, wie es eben ist. Manchmal habe ich Druck gespürt, wenn das Leben nicht die Hoffnungen erfüllt hat, die sich manche gemacht haben. Ich musste dann an den griechischen Schriftsteller Pausanias aus dem 2. Jahrhundert denken. Er überliefert den Mythos des Narziss folgendermaßen: Narziss war ein junger, wunderschöner Mensch mit mythischer Herkunft. Er verliebte sich einst am Ufer eines Gewässers spontan in sein Spiegelbild, das er auf der glatten Wasseroberfläche wahrnahm. Diese unglückliche Liebe endete später darin, dass ein darauf fallendes Blatt Wellen schlug und Narziss an dieser Erkenntnis, in sein Spiegelbild geschaut zu haben, zu Grunde ging. Manch einer brachte diese Erlebnisse der anstrengenden und bisweilen kräftezehrenden Selbstschau mit zum Treffen. Und manch einer wendet viel Kraft auf, das Bild zusammenzuhalten.

Martin Luther übernimmt von Augustinus die Formulierung des Menschen als einem, der „incurvatus in se ipsum“ ist. Ein Mensch, in sich selber verkrümmt und verrenkt, manchmal unfähig, aus der Liebe und Gnade Gottes gelassener und fehlerhafter zu leben. Dieser Formulierung kann man fast selber krampfend nachspüren.

Die Zeit kann aber nicht nur weiter den Druck auf Menschen erhöhen, den eigenen Zielen gerecht zu werden. Die Zeit kann auch versöhnlich machen und aus der Verkrampfung lösen. Im Glauben kann ich zum Beispiel Ereignisse, Brüche, nicht erfüllte Wünsche und Widerfahrnisse in Gottes Hand legen. Ich kann erkennen, dass er uns sieht, wie wir sind, auch wenn sich unser Wunschbild von uns selber in welligen Kreisen verzerrt.

Wir sind eingeladen, diese Sichtweise Gottes anzunehmen. Im Glauben an ihn bekommen die Begriffe Erlösung und Versöhnung einen angenehmen Klang. Man kann eigentlich viel mehr bei sich sein, obwohl man sich viel stärker bei Gott verortet als vielleicht vorher. Von Gott gesehen zu werden, auch wenn die eigene Erkenntnis bruchstückhaft ist, hat auch etwas Befreiendes.

In diesen Monaten bereiten sich viele Jugendliche, Schülerinnen und Schüler mit ihren Wünschen und Hoffnungen auf einen neuen Lebensabschnitt in unserem Bildungssystem vor. Ich wünsche euch und Ihnen die Kraft des Glaubens, in allem, was dort geschieht, sich von Gott in seinem jeweils eigenen Leben gesehen zu wissen, dass es gelassener macht für das Leben, das wir haben.

Olaf Zechlin