Bestattung in Corona-Zeiten

Nun habe ich das also auch erlebt, eine Bestattung in Corona-Zeiten. Obwohl der Bestatter sich wirklich viel Mühe gegeben hat – wir durften ja nicht in die friedhofseigene Kapelle, sondern nur draußen; es durften nicht alle kommen, sondern nur eine ganz kleine begrenzte Anzahl von allernächsten Menschen – hat sich alles nicht so angefühlt wie sonst, irgendwie war auch hier alles falsch.

Doch, ich kannte die Verstorbene; doch, ich kenne auch Bestattungen mit wenigen Trauergästen; und ja, ich habe auch schon aus finanziellen Überlegungen Trauerfeiern vor der Friedhofskapelle gefeiert, aber dieses Mal… Weiterlesen

Zur Familie Gottes gehören | In Zeiten von Corona #12

Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen. (Psalm 147,11) – Jesus spricht: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,35) | Herrnhuter Tageslosung für den 28. März 2020

„Liebe das Mutterherz, solange es noch schlägt, ist es gebrochen, so ist es zu spät“ – das stand auf einem Holzbildchen in der Küche meines Elternhauses. Kitschiges Naturmotiv mit Grabhügel, Urlaubsmitbringsel aus Österreich – und für mich Quelle so mancher Not.

Du brichst deiner Mutter das Herz, wenn du… – wie oft hatte ich das gehört. Wenn ich als kleines Mädchen zu anderen Kindern nach Hause zum Spielen gehen wollte, aber meine ängstliche Mutter vor Sorge fast starb, ob ich den Weg dahin überleben würde , oder wenn ich als Jugendliche in die Disko wollte und meine Mutter Panik hatte vor Drogenhändlern, die mich anfixen würden oder wenn es keine Eins geworden war in der Klassenarbeit – immer hatte ich meine Mutter fast auf dem Gewissen. Ihren Stress betäubte sie mit Tavor, und ich war schuld, dass es ihr so schlecht ging. Das wirst du noch bereuen – meinte meine Oma, die bei uns wohnte – und zeigte auf das Holzbildchen in der Küche. Weiterlesen

Über die Sünde – und was wir daraus lernen können | In Zeiten von Corona #10

Ich bekenne meine Schuld, bekümmert bin ich meiner Sünde wegen. (Psalm 38,19) – Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Umkehr, die niemanden reut. (2. Korinther 7,10) | Herrnhunter Tageslosung für den 26. März 2020

Gestern habe ich hier berichtet über den Menschen als Kunstwerk Gottes, von seiner Größe und Würde, seiner Funktion und seinem Auftrag. Heute muss ich erzählen von seinem Scheitern und seiner Hässlichkeit. Habe ich gestern so sehr bestanden auf der Freiheit der Kinder Gottes – so muss ich heute eingestehen, dass wir Menschen nicht nur fähig sind zum Guten, sondern auch zum Schlechten. Die Spuren unseres bösen Tuns ziehen sich durch Natur und Geschichte. Es ist offensichtlich, dass wir Menschen alles andere als gelungene Meisterwerke sind. Weiterlesen

Mit dem bin ich fertig!

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24)

„Mit dem müssen Sie mir nicht mehr kommen“, so werde ich von einer Patientin begrüßt, nachdem ich mich als Krankenhausseelsorgerin vorgestellt habe. „Mit dem bin ich fertig!“ Ihr Ehemann versucht zu beschwichtigen, aber das schafft er nicht. Dann erzählt sie aus ihrem Leben und ich kann nur ahnen, wie schwer es war, durch wie viele Sorgen es geprägt wurde, wie anstrengend manchmal ein ganz normaler Tag gewesen sein muss.

Während sie erzählt, denke ich: das ist aber ein großes Paket, das diese Familie tragen musste. Und als sei das nicht genug, endet sie damit, dass sie erzählt, dass nun ihr Kind gestorben sei. Alle drei sitzen wir wie erschlagen zusammen. Was soll ich da sagen? Wie kann ich da trösten? Weiterlesen

Seid Akteure des Glaubens – und nicht nur Zuschauer!

Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28,18-20)

Holsterhausen, ein Essener Stadtteil südwestlich der Innenstadt. Ich besuche eine junge Familie, die ihre Tochter taufen lassen möchte. Wir sprechen über einen möglichen Ablauf des Gottesdienstes. Meine Idee: Mag jemand von Ihnen einen Text aus der Bibel lesen?

Wir blättern in der Bibel und landen im Matthäusevangelium, Kapitel 28, Verse 16 bis 20. In der Lutherbibel steht fettgedruckt „Missionsbefehl“ darüber. Bei dieser Überschrift schreckt der Vater zurück: „Missionsbefehl“ – seine Stirn zieht sich in Falten – das hört sich streng an. Tatsächlich, so erkläre ich, ist die Überschrift erst später dazugekommen. Und vielleicht gibt diese Überschrift dem Text eine falsche Note. Deshalb lade ich Sie ein, diesen Text heute noch einmal neu zu entdecken. Weiterlesen

Blick nach vorn

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62)

„Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht um; wer sich umdreht oder lacht…‟ Wie oft habe ich als Kind mit anderen zusammengesessen und dieses Spiel gespielt. Und ich weiß noch sehr genau, wie schwer das war, sich nicht umzudrehen. Manchmal hat man versucht, nach links oder rechts hinten zu blinzeln oder vorsichtig mit einer Hand zu tasten, ob der Plumpsack vielleicht doch hinter einem liegen geblieben ist.

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes: Dieses Bild, nicht zurückzublicken, wird öfter in der Bibel verwendet. Zum Teil auch in durchaus bekannteren Geschichten und Worten. In dieser Geschichte bei Lukas, aus der unser Vers stammt, bittet jemand, der Jesus nachfolgen will, um die Erlaubnis, zunächst noch seinen Vater zu beerdingen und Jesus antwortet: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ (Lukas 9,59-60).

Einem anderen, der sagt, dass er sich nur eben noch von seiner Familie verabschieden möchte, antwortet er mit dem eingangs zitierten Satz: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Das sind ziemlich heftige Worte und dieser Umgang mit den Menschen, die zu ihm kommen, die bereit sind, alles andere stehen und liegen zu lassen, um mit ihm zu ziehen, dieser Umgang ist alles andere als einfühlsam oder gar seelsorgerlich. Weiterlesen

Die Kraft der Worte

Mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden besuchen wir an einem Dienstag das Elisabeth-Krankenhaus. Es geht darum, „Kirche am Lebensweg der Menschen“ zu entdecken. Das Krankenhaus ist solch ein Ort. Da kreuzen sich unsere Lebenswege mit einem Haus, wo man darauf vorbereitet ist, Menschen aufzunehmen, deren Lebensweg durchkreuzt wurde.

Mancher von uns wird dankbar sein, dass es an bestimmten Augenblicken die Klinik gab mit ihren Ärztinnen und Ärzten, dazu die effektiven Geräte und alle, die zum Pflegebereich gehören. Hin und wieder hören sie dort auch ein „Danke“, wenn sich ein Patient verabschiedet. Und das ist doch das Mindeste, was man seinen Helfern zurückgeben kann. Weiterlesen

Stärkt die müden Hände!

…ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)

Das Jahr war schnell, jedenfalls für mich – und nun fühlte sich die Adventszeit auch noch nicht so an wie sonst, was nicht nur am Wetter lag, aber vielleicht auch. Denn auch das macht mir deutlich, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Als ich neulich bei einem Patienten war, der mich angerufen hatte. Oh – nicht was Sie jetzt denken, er wollte mich gar nicht sprechen, er war auf der Suche nach jemanden, der ihm eine Telefonkarte besorgen konnte, was ich getan habe, weil die Grünen Damen und Herren geradedurch waren und er sonst lange hätte warten müssen. Wir kamen dann aber ins Gespräch. Über den Beruf seines Sohnes landeten wir in der Autobranche; nein – mit all den Betrügereien hat er nichts zu tun, er forscht in einer anderen Sparte. Aber wir zwei machten uns Gedanken über die Welt und vor allem über unsere Umwelt.

Der Patient war schon älter und gab seiner Verwunderung Ausdruck, dass diese lange Periode der Trockenheit, die wir hier in Deutschland gerade erlebt hatten, anscheinend niemandem außer ihm zu denken gäbe. Er konnte nicht begreifen, dass nicht ein lauter Aufschrei durch unser Land geht – und nicht nur da. Er schaute mich an und meinte: Das Schlimmste ist, dass wir es gar nicht mehr aufhalten können. Es ist schon zu viel passiert, selbst wenn wir jetzt alle… Und dann schaute er mich an: Sie stehen doch in der Öffentlichkeit, können Sie nicht darüber sprechen? Weiterlesen

Gottes Telefonnummer

Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! (Philipper 4,6)

Was tun Sie, wenn Ihnen die Sorgen den Schlaf rauben? Manchmal hilft schon ein guter Milchkaffee, eine kleine Ruhepause im hektischen Trubel, damit man sich wieder fokussieren kann. Das Gedankenkarussell unterbrechen, tief durchatmen, neu denken. Oder Yoga. Oder eine Folge der Lieblingsserie. Ein Telefonat mit der besten Freundin. Was auch immer Ihr Rezept ist, es ist gut, zu wissen, was die Seele streichelt, wenn das Leben mal wieder ein paar Haken schlägt. Gerade, wenn es ein heftiger linker Haken ist. Die Bibel gibt uns auch ein „Rezept“ zum Seele Streicheln: Beten. Klingt simpel, ist es im Grunde auch, aber wer es ausprobiert hat, weiß, wie wohltuend es ist. Weiterlesen

Herr O. berührt den Himmel

Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. (Philipper 1,21)

Es gibt Menschen, die wachsen in schweren und ausgesprochen schwierigen Zeiten über sich hinaus und berühren dann sozusagen den Himmel. Ein schöneres Bild ist mir jetzt nicht eingefallen, aber ich möchte es Ihnen auch gern erklären: Ich begleite zurzeit Herrn O. Kennengelernt haben wir uns im vergangenen Jahr, irgendwann im Sommer. Er rief mich an, wollte nur reden, hat er gesagt und klang etwas atemlos dabei.

Als Pfarrerin ist man dann aber auch auf alles vorbereitet. Wir haben uns getroffen und geredet. Viel geredet. Er hat erzählt und ich habe erst einmal zugehört, nachgefragt, mit ihm überlegt. Was war passiert? Er war ins Krankenhaus gekommen, weil es ihm nicht so gut ging und wurde auf den Kopf gestellt und gefunden hat man eine Tumorerkrankung. Wie Ärzte dann so sind, hatten die auch schon einen Plan im Kopf, wie es für ihn weitergehen könne. Diese und jene Therapie wollten sie mit ihm machen, er solle gleich da bleiben und sich ganz in ihre Hände begeben.

Und er? Er wirkte auf mich zunächst grummelig, dann auch unsicher und vor allem abwehrend. Das alles wollte er gar nicht. Es war alles zu viel und vielleicht war es ja auch der Wille Gottes, dass er das jetzt aushalten müsse. Wir haben viel geredet, das tun wir noch immer, und wir schreiben uns jetzt auch. Und wenn ich ihm jetzt begegne oder von ihm lese, dann geht mein Herz auf. Weiterlesen