Kleine Fische, große Wirkung

Die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. (Römer 12,9-16)

Ungewohnt. Wir sitzen doch sonst in Reihen hintereinander. In der Kirche haben manche sogar ihre Lieblings-Bank. Ihren festen Platz. Hier, im Gemeindesaal, ist natürlich sowieso alles anders – und jetzt sitzen wir auch noch im Kreis. Die Sitzordnung heute ist wie eine Auslegung unseres Textes aus dem Römerbrief: Um sich mit dem anderen freuen zu können oder um mit dem anderen weinen zu können – muss ich ihn sehen. Muss ich ihm oder ihr ins Gesicht sehen können. Dann sehe ich vielleicht, dass Frau X. heute gar nicht so munter lächelt wie sonst. Oder bemerke, dass  Herr Y. ein bisschen blass ist. Und ich kann fragen: Was ist los? Wie geht’s? Ist was passiert? Einander sehen, einander wahrnehmen. „Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor“ – das gelingt dann vielleicht. Weiterlesen

Das schönste Wort

Ich gehöre zu den Menschen, die unterwegs in der Stadt alles Mögliche lesen. Früher dachte ich, das sei ganz normal. Aber inzwischen weiß ich, dass nicht jeder so tickt. Ich jedenfalls lese, was auf großen Plakaten und kleinen Schildern steht, an der Bushaltestelle, in Schaufenstern. Ich lese sogar die „Katze entlaufen“- und „Wohnung gesucht“-Zettel an Straßenlaternen und Fußgängerampeln, obwohl ich keine Katze gefunden oder Wohnung zu vermieten habe. Weiterlesen

Martin Luther – Schutzpatron der Wutbürger?

Was ist Wahrheit? Das klingt zunächst einmal nach einer sehr abstrakten, eher philosophischen Frage. Als vor 2000 Jahren Pontius Pilatus, der römische Militärchef in Palästina, diese Frage an Jesus stellte, bevor er ihn zum Tode verurteilte, lag die Antwort auf diese Frage auf der Hand – und sie war tödlich: Wahrheit ist eine Frage der Macht. Wer die Macht hat, hat auch die Wahrheit. Und so blieb es über Jahrhunderte. Bis 1500 Jahre nach dem Tod Jesu ein bis dahin unbekannter Mönch namens Martin Luther wagte, die Frage nach der Wahrheit vor den Abgesandten des Kaisers und des Papstes anders zu beantworten: „Wider das Gewissen zu handeln ist beschwerlich, unheilsam und gefährlich.“ Weiterlesen