Ein Haus für Gott

Weihnachten sind die meisten am liebsten zu Hause. Feiern zusammen mit der Familie. Studenten, die an entfernten Orten studieren, machen sich auf den Weg durch die halbe Republik, um zum Fest zuhause zu sein. Eine Umfrage bei den Konfirmanden „Was ist dir das wichtigste am Weihnachtsfest?“ ergab mit überwältigender Mehrheit: Mit der Familie zusammen zu sein und gemeinsam zu feiern. Geschenke waren sehr nachgeordnet. Familie: Eltern, Geschwister, wenn möglich Oma und Opa. Niemand soll, niemand will heute alleine sein. Man rückt zusammen, macht es sich gemütlich. Isst ein festliches Mahl, beschenkt sich, genießt die Zeit. Zuhause ist es am schönsten.

Für viele ist es so, aber nicht für alle. Manche flüchten von zu Hause, gerade jetzt, fliegen in die Sonne, suchen Abstand. Denn zu Hause an Weihnachten ist für sie schwer. Und leer. Zu viele Erinnerungen, zu viel Streit, enttäuschte Erwartungen. Alte Wunden brechen auf und schmerzen wie am ersten Tag. Und die Sehnsucht, sie schmerzt auch: die Sehnsucht nach einem Stück heile Welt, nach Frieden und Dazugehören, gerade heute Nacht, nach einem Ort der Geborgenheit und des Trostes. Nach Nähe. Nach dem Zauber der alten Geschichte vom Kind im Stall. Weiterlesen

Über das Verschwinden der Barmherzigkeit

Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6,36)

Vor einiger Zeit ist ein sogenanntes „Lexikon der bedrohten Wörter“ erschienen. Denn es gibt nicht nur bedrohte Pflanzen und Tiere, sondern auch Wörter, die vom Aussterben bedroht sind. Wörter wie „Kleinod“ oder „hold“. Beide hören Sie im Alltag nicht mehr. Ebenso wenig wie das Wort „barmherzig“.

Wenn Konfirmanden beim Vorlesen aus der Bibel auf dieses Wort stoßen, dann stocken sie und betonen es mit ziemlicher Sicherheit auf der ersten Silbe. Sie sagen: „barm-herzig“. Daran merke ich, dass sie das Wort noch nie gelesen oder gehört, geschweige denn selbst gebraucht haben.

Mich beunruhigt das. Denn man sagt nicht zu Unrecht: Wenn ein Wort verschwunden ist, dann ist auch die Sache selbst verschwunden. Weiterlesen

Erwin fehlt! oder: Plädoyer für die Volkskirche

Erwin kam sonst immer zum Kirchencafé, das unsere Gemeinde sonntags anbietet. Oder zum Seniorenfest. Und zum Gottesdienst. Seit seine Frau verstarb, ist die Gemeinde Erwins neue Heimat geworden – Ort für Trost, Ablenkung, Kontakte, Unterstützung.

Selbstgebackenen Kuchen im Kirchencafé isst er mit Leidenschaft. Es durften auch schon mal ein paar mehr Stückchen sein, als seine Diabetes eigentlich erlaubt.

Die Kerze für seine Frau steckt er in jedem Gottesdienst an, dabei hat er Tränen in den Augen. Anschließend geht es ihm besser. Dann erzählt er vom letzten Arztbesuch und vom Neffen, der wenig Zeit hat. Weiterlesen

Dein Wille geschehe

Nicht mein, sondern dein Wille geschehe! (Lukas 22,42)

Im Gegensatz zur Adventszeit ist die Passionszeit weit weniger bekannt und vor allem wesentlich weniger beliebt. Obwohl beide Zeiten durch violette Antependien in unseren Kirchen gekennzeichnet werden und uns damit zur Umkehr zu Gott mahnen, haben sie doch ein ganz anderes Gepräge: Lichterglanz, Duft und Geschenke begleiten unsere Vorfreude auf Christi Geburt im Dezember, dagegen erinnern wir uns in den knapp sieben Wochen vor Ostern an die Leidenszeit Jesu, an Verrat, Schuld und gewaltsamen Tod. Weiterlesen

reFORMation – transFORMation

Bildung war für die Reformatoren besonders wichtig. Zu Luthers Zeit konnten nur wenige Menschen lesen und schreiben. Bildung gehörte zu den Privilegien des Adels und der Geistlichkeit. Luther fand das ungerecht, er machte sich stark für Bildungsgerechtigkeit. Jeder sollte aus seiner Sicht lesen und schreiben können, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Dank der Reformatoren, vor allem Luther und Melanchthon, entstand eine regelrechte Bildungsbewegung und es kam zu zahlreichen Schulgründungen.

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Wesensbilder des Menschlichen

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein
Gerechter und ein Helfer.“ (Sacharja 9,9)

Die Tage der Advents- und Weihnachtszeit und des beginnenden neuen Jahres sind von besonderen Stimmungen und großen Gefühlen geprägt. Die kommenden Festtage und alles, was mit ihnen verbunden ist, werden uns dann doch wieder berühren. Alle Jahre wieder!

Aber in den Texten, Liedern, Bildern, Symbolen und Bräuchen zu Advent und Weihnachten sind sie ja auch verborgen, so wie in einer Flaschenpost aus der Tiefe der Zeiten: Die Hoffnungen und Visionen, die Sehnsüchte und Träume vom gelingenden Leben! Weiterlesen

Liebeslied | Andächtiges zum Monatsspruch Juni #1

Meine Stärke und mein Lied ist Gott, er ist für mich zum Retter geworden. (Exodus 15,2)

Gott, meine Stärke, Gott, mein Retter. Das sind bekannte, oft gehörte, immer noch wertvolle Beschreibungen Gottes. Gott, mein Lied? Das ist neu. Gott, mein Gesang? „Also ich kann ja nicht singen. Bin schon in der Grundschule aus dem Chor geflogen. Treffe keinen Ton.“

Beim Singen ist es wichtig, sich aufzurichten, am Besten gar, sich hinzustellen: Frei dastehen, aufrecht zwischen Himmel und Erde. Beim Singen ist es wichtig, gut zu atmen: Tief in mich hinein strömt die Luft. Oder der Lebensodem – ein altes, sehr schönes Wort. Beim Singen kommt der Körper in Schwingungen: Töne kommen aus dem Mund, aus der Kehle, aus dem Herzen, vielleicht sogar aus der Seele. Singen heißt, gerade und frei zwischen Himmel und Erde zu stehen, den geschenkten Atem in mich aufzunehmen und ihn mit einer Melodie wieder in die Schöpfung zu schicken. Weiterlesen

O mein Papa

Es war ein Artikel in einer Frauenzeitschrift, der mich, so viele Jahre nach dem Tod meines Vaters, mit ungeahnter Wucht traf! Eine Frau erzählte, wie sie bei der Recherche in ihrer Vergangenheit abgründigen Aspekten aus dem Leben ihres Vaters begegnete – und sich nun schmerzhaften Fragen stellen musste.

Mein Vater war jemand, wie es viele gab in meiner Kindheit: eigentlich nie anwesend. Er arbeitete viel, fast ununterbrochen – in der Woche im Betrieb, am Wochenende auf irgendeiner Baustelle oder zuhause im Werkstattkeller. Er trug in meinen Kindheitserinnerungen vor allem diesen grauen Hausmeisterkittel mit den vielen praktischen Taschen. Er schaffte das Geld heran, das uns den Aufstieg aus der Arbeiterklasse in den Vorort mit Reihenhaus ermöglichte. Weiterlesen

Österlicher Klimawandel

Ostern ist das älteste Fest und eigentlich auch das wichtigste für die Christenheit. Ostern ist jedoch längst nicht so populär wie Weihnachten. Weihnachten kann sich jeder vorstellen, in der Bibel wird die Geburt im Stall zu Bethlehem anrührend und ausführlich ausgestaltet. Die Auferstehung Jesu dagegen können wir uns nur schwer vorstellen. Mit Blick auf Ostern lässt uns die Bibel viel Deutungsfreiheit, die Evangelien schreiben wenig über die Auferstehung des toten gekreuzigten Jesus.

Auch von Jesus selbst wird das Ostereignis nicht beschrieben, nur angekündigt. Das jedoch, was erlebt und erfahren wurde in der Begegnung mit Jesus, wurde über Jahrhunderte weitererzählt – jeweils in der Sprache und den Bildern der Zeit. Weiterlesen

Der Trost Gottes ist die Erfahrung seiner Nähe | Andächtiges zur Jahreslosung #5

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Bei den Worten „trösten wie einen seine Mutter tröstet“ fallen mir sofort Szenen aus meiner Kindheit ein. Ich bin in einem kleinen Dorf groß geworden mit vielen Wiesen, Feldern, Obstbäumen, Bauernhöfen. Einer meiner Freunde kam von einem Bauerhof. Wir beiden waren immer gerne draußen und unternahmen viel zusammen, kletterten auf Bäume, ließen uns an Ästen kopfüber runter hängen, fuhren Roller um die Wette, tobten im Stroh und halfen bei der Ernte. Dabei kam es natürlich vor, dass ich mit dem Roller stürzte, im Zaun hängen blieb, ungünstig fiel und mir aufgeschlagene Knie, Schürfwunden, Schnittwunden, Verstauchungen zuzog. Was dann folgte, lief immer in ähnlicher Weise ab. Weiterlesen