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‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg! / O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! / ‘s ist leider Krieg – / und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein! (Matthias Claudius)

Diese erste Strophe eines Gedichtes, paradoxerweise geschrieben in kriegsloser Zeit, ist ein flammendes Plädoyer gegen den Krieg, verfasst im Jahr 1778 vom deutschen Lyriker Matthias Claudius. Sein „‘s ist leider Krieg – “ will als Ausdruck echten Kummers verstanden werden, und das vehemente „und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“ ist eindeutige Stellungnahme gegen den Krieg.
Hundert Jahre nach dem Ersten und siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist dieses Gedicht immer noch aktuell. „‘s ist leider Krieg“, immer noch und immer wieder in vielen Teilen der Welt, auch ganz nahe bei uns, in der Ukraine.
Dagegen setzen wir in unserer Gemeinde die Bitte „O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein!“ – in langer und guter Tradition von Friedensgebeten.

Diese Friedensgebete sind Teil meiner eigenen Geschichte in und mit der Gemeinde geworden. Als ich 1982 mit meinem Freund und späteren Ehemann nach Frohnhausen zog, hatte ich mit Kirche schon lange nichts mehr im Sinn. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass es hier ein Kirchengebäude gab. Jahre später, als ich einen Kinderwagen durch den Stadtteil schob, fiel mir eine Kirche auf, offensichtlich evangelisch, die Apostelkirche. Im Schaukasten entdeckte ich die Einladung zu einem Friedensgebet zum 50. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf Polen, am 1. September 1989, um 5 Uhr 45.
Was mich veranlasst hat, zu so früher Stunde diese Veranstaltung zu besuchen, weiß ich bis heute nicht. Woran ich mich noch gut erinnere, war das Gefühl völliger Fremdheit. Ich schaute und hörte zu, beten und singen konnte ich nicht. Was mir Respekt abnötigte, war, dass sich hier Menschen gemeinsam offenbar ernsthaft und aufrichtig mit dem Thema Krieg und Frieden beschäftigt hatten. Die Abschiedsworte eines Gemeindemitgliedes im Ohr „Kommen Sie doch mal wieder!“, war ich doch heilfroh, nach diesem Friedensgebet die Kirche wieder verlassen zu können.

1990 begann der Zweite Golfkrieg im Irak und in Kuwait. Ab Januar 1991 führte eine Koalition unter Führung der USA Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits durch. „In Bezug auf die verwendeten Rüstungsgüter und den Mobilisierungsgrad der Kriegsparteien war der Zweite Golfkrieg der schwerste Krieg seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“, heißt es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
Wieder reagierte die Gemeinde Frohnhausen: Zweimal in der Woche fanden in der Apostelkirche abends Friedensgebete statt, ein halbes Jahr lang.
Und: ich ging wieder hin. Warum? Keine Ahnung. Die Fremdheit wich ganz allmählich und machte Platz für das gute Gefühl, mit anderen zusammen diesem Krieg etwas entgegenzusetzen, mit Gebeten und Liedern. Ich bin geblieben. Gelernt habe ich im Laufe der Jahre, dass Gott nicht anders handeln kann als durch uns, dass wir als Christen und Christinnen besonders gefordert sind, uns für Schwache und Ausgegrenzte einzusetzen und sensibel zu sein für die Bewahrung der Schöpfung. Das schließt den Einsatz gegen den Krieg ein, das Lebensfeindlichste, was man sich nur denken kann. All dies gelingt am besten in einer Gemeinschaft, die hilft und trägt. Diese Gemeinschaft habe ich in der Kirchengemeinde Frohnhausen gefunden. Seit 15 Jahren bin ich ordinierte Prädikantin der Gemeinde. Für meinen Weg bin ich dankbar.

Auch die Tradition der Friedensgebete in unserer Gemeinde wird weitergeführt. Im Familienzentrum am Postreitweg treffen sich einmal in der Woche Menschen aus der Kirchengemeinde und dem Stadtteil, um gegen Krieg und Terror und für den Frieden zu beten. Es ist gut, dass wir nicht nachlassen, im Sinne von Matthias Claudius zu „begehren, Nicht schuld daran zu sein“. Bleiben wir wachsam!

Sonnhild Hasenkamp-Glitza