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Kunstwerk Mensch | In Zeiten von Corona #9

Was kehrt Ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht, und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts! (Jesaja 29,16) – Alle miteinander bekleidet euch mit Demut (1. Petrus 5,5) | Herrnhuter Tageslosung für den 25. März 2020

„Sie ist Wachs in meinen Händen“ prahlt der Jüngling über seine neuste Eroberung und löst damit so manche Männerfantasie bei seinen Freunden aus. Pygmalion erschafft sich aus Elfenbein seine gefügige Traumfrau; und Professor Higgins performt als Erweis seiner Brillanz als Sprachwissenschaftler aus dem Proletariermädchen Eliza Doolittle eine (Fast-)Herzogin. So geht es zu, wenn Menschen als Material verstanden werden und Meister sie als Werke ihrer Grandiosität darstellen.

Deshalb ist mir die heutige Tageslosung unsympathisch. Ich will meine Gottesbeziehung nicht in diesen narzisstischen Bildern ausgedrückt wissen. Ton in eines Töpfers Hand, willenlose Kreatur ohne Recht zum Widerspruch, Marionette mit Auftrag zur Unterwürfigkeit und Allakzeptanz – das entspricht nicht meinem Selbstbild. Vor allem aber entspricht es nicht meinem Gottesbild.

In der Tat: ich will alles umkehren! Ich will mich definieren als „Ebenbild Gottes“ und mich berufen auf die „Freiheit der Kinder Gottes“. Ganz undemütig bestehe ich auf der Bundespartnerschaft mit Gott auf Augenhöhe. Mir ist das so wichtig, weil in der christlichen Tradition Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung jahrhundertelang als Selbstvergötzung gebrandmarkt und besonders Frauen, die nach einer eigenen Identität suchten, als in sich selbst verkrümmte Ichlinge verdammt wurden.

Als Tochter Gottes animiert mich mein Schöpfer zu einem Leben mit Eigenbeteiligung und stiftet mich dazu an, gut für mich selbst zu sorgen und ein „First-Hand-Leben“ zu führen. Als Kunstwerke mit Subjektcharakter hat Gott uns erschaffen! So ganz anders als Professor Higgins, der stumpf bleibt für Elizas Liebe, und ihre menschlichen Bedürfnisse ignoriert.

Als Subjekten unseres eigenen Lebens wird uns damit aber auch zugemutet, unser Leben so zu gestalten, dass es nicht andere Geschöpfe Gottes zu Objekten macht. Selbstwerdung heißt immer auch Selbstregulierung.

Das hat Martin Luther in seinem Werk über die „Freiheit eines Christenmenschen“ erklärt: meine Freiheit endet da, wo ich anderen schade. Meine Selbstsorge findet ein gutes Ziel in der Fürsorge für andere. Meine Autonomie ist eine gute Gabe Gottes, wo sie reife Beziehungen und zuverlässige Verbindlichkeiten ermöglicht. Hier hat die Demut, zu der die Tageslosung aufruft, ihren rechten Ort: als Kreativität zum Lieben.

Möge Gott uns ersparen, dass die Corona-Krise Ärzt*innen, Politiker*innen und Krankenhausmanager*innen dazu zwingt, Menschen zu Objekten ihrer Entscheidung zu machen. Wenn es nicht genug Beatmungsgeräte für alle Erkrankten gibt – wer wird dann aufgrund welcher Auswahlkriterien zum Sterben nach Hause geschickt? Das Personal in den Alten- und Pflegeheimen macht sich Sorgen, dass ihre Bewohner*innen nicht mehr in die Spitäler abgeholt würden, wenn es eng wird. Mögen wir lernen aus der Not, die uns dieses Szenario macht!

Mit Grauen erinnern wir uns an die Geschichte unseres Volkes, in der größenwahnsinne Egomanen, vor noch nicht so langer Zeit, Menschen aussortierten. Und lange vor Corona gab es die Diskussion um die Berechtigung zu teuren Heilbehandlungen für unproduktive Mitmenschen, und ich befürchte, sie wird nicht so einfach verstummen in einer Welt der Verteilungskämpfe.

Darum ist es dies, was abschließend zu sagen ist über das Kunstwerk Mensch: Als Kunstwerke füreinander wurden wir gemacht. Wir sind sozial ausgerichtete Wesen und können nur miteinander gut existieren. Darum steht es uns gut an, dass wir bei jeder Entscheidung, wie wir unsere Ressourcen nutzen, unsere Grenzen schützen, unsere Fremden beherbergen… uns daran orientieren, dass wir alle aus gleichem Ton gemacht sind, mit gleichem Atem des Lebens befüllt und aneinander gewiesen als Brüder und Schwestern.

Bleiben Sie gut behütet.

Anke Augustin

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