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Kirche hat ein prophetisches Wächteramt

Der Mund des Frevlers weiß Dinge zu verdrehen. (Sprüche 10,32)

Seit Monaten beschäftigen mich die täglichen Nachrichten über den Zustand der Welt. Ungläubig frage ich mich, in welcher Welt wir im Augenblick leben. Mir kommt es vor, als erleben wir täglich eine kleine Apokalypse, einen kleinen Untergang der Welt. Da sind die Bilder von toten Walen, in deren Mägen man kiloweise Plastik fand. Da sind die Bilder von geretteten Flüchtlingen auf Schiffen des Mittelmeeres und man lässt die Menschen nicht an Land. Über die ganze Flüchtlingsfrage und ihre Abwehr streiten die Koalitionsparteien mit dem christlichen „C“ in ihrem Namen. Da ist der Hass der AfD-Wähler, den man so schwer nachvollziehen kann, weil sie in einem der reichsten Länder leben, keinen Krieg kennen, keinen Hungertod fürchten müssen.

Schwer auszuhalten die Debatten im Deutschen Bundestag, auch das Selbstbewusstsein der neuen Rechten, das Dumpfe, das Aggressive darin, das Dumme auch, wenn man sich anhört, was ihre Abgeordneten im Bundestag sagen, ihr ständiges Gegenreden gegen Dinge, die niemand je behauptet hat, ihr Argumentieren mit Fakten, die nicht zutreffen, weshalb es keine Fakten sondern Lügen sind.

Man muss aufpassen, nicht abzustumpfen und alles innerlich nur noch durchzuwinken in diesen Zeiten der verdrehten Wahrheit. Damit sind wir bei Donald Trump, den wir nun schon so lange mit seinen Twitter-Nachrichten ertragen. Seine jüngsten Taten und die seiner Regierung sprengten oft den Rahmen der Vorstellungskraft. Zum Beispiel Eltern zu sagen, man wolle ihre Kinder nur kurz baden, um sie dann in so genannten „Tender Age“-Lagern zu internieren oder kleine Kinder von ihren Familien zu trennen und wie Verbrecher zu behandeln.

Wir leben in unruhigen Zeiten. Was sagt Kirche dazu?  Muss nicht Kirche unruhig werden angesichts des Zustandes der Welt. Sie darf sich nicht auf dem Ruhekissen des Schweigens ausruhen. Denn Kirche kann das Wohl der Menschen, Völker und Nationen nicht egal sein, wie das gemäß Bibel auch Gott nicht egal ist. Nach den Aussagen der Bibel hat Kirche ein „prophetisches Wächteramt“, wie es Martin Luther für seine Zeit formuliert hat.

Für Dietrich Bonhoeffer lebt der christliche Glaube aus einem Tun, das den bedrohten Nächsten schützt und rettet. Deshalb setzte er sich gegen das Naziregime und für die Rettung der bedrohten und verfolgten Juden ein. Die Bekennende Kirche, die in dieser Zeit aus Angst vor politischer Einmischung und deren Folgen sich fast nur noch mit liturgischen Erneuerungen beschäftigte, rüttelte er mit folgenden Worten auf: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Bonhoeffer war auch bereit, zusammen mit Leuten gegen Hitler vorzugehen, die nicht kirchlich oder religiös motiviert waren, aber dieselbe Überzeugung wie er hatten.

Wir leben, Gott sei Dank, in einer Demokratie. Deshalb hat Kirche mehr Möglichkeiten, ihr prophetisches Wächteramt wahrzunehmen. Als Kirche und als Christinnen und Christen müssen wir politisch aktiv werden, Haltung zeigen, wo es Not tut. Wir müssen hinsehen und hinhören. Wo werden Menschen ausgegrenzt, weil sie Ausländer, Flüchtlinge, Kranke, Behinderte, Hartz IV-Empfänger, Alleinerziehende sind? Welche Minderheiten werden pauschal verurteilt und damit an den Rand der Gesellschaft gedrängt? Wo führen Gesetze zu neuen Ungerechtigkeiten und verschärfen damit Ausgrenzung? Wie sieht Gerechtigkeit, auch in finanziellen Fragen wie z. B. bei der Steuer oder der sozialen Unterstützung, konkret aus?

Das prophetische Wächteramt drängt sich der Kirche heute wieder auf. Dorothee Sölle hat den Satz geprägt. „Jeder theologische Satz muss ein politischer sein.“ Bert Brecht: „Die Wahrheit ist konkret.“ Wie klug, den Lügen die Wahrheit entgegen zu stellen. Wahrheit zu unterdrücken, zu verkehren oder zu bekämpfen, ist wie ein Bumerang, der rächend zurückkommt.

Die Bibel ist im Umgang mit der Wahrheit eindeutig. Unmissverständlich stellt sie fest: Wahrheit zu manipulieren, ist ein Verbrechen. „Der Mund des Frevlers weiß Dinge zu verdrehen“, heißt es im Buch der Sprüche 10,32. Der Johannesbrief drückt es positiv aus: „Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln“ (3. Johannes 1,4).

Werner Sonnenberg