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In der Ruhe liegt die Kraft

Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. (Genesis 2,3)

Es ist deutlich ruhiger geworden, seitdem die Ferien begonnen haben. Weniger Verkehr auf der Straße, in Bus und Bahn deutlich weniger Gedränge, keine langen Schlangen an den Kassen. Auch im Haus der der Evangelischen Kirche ist es stiller geworden. Viele sind im Urlaub. Das merkt man. Tagelang keine Veranstaltung auf der Anzeigetafel. Im Kalender nur wenige Termine; gestern hat das Telefon den ganzen Vormittag nur zweimal geklingelt und auch das E-Mail-Postfach ist so gut wie leer.

Das Leben verläuft zurzeit in einem reduzierten Tempo – auch für die, die noch arbeiten dürfen. Herrlich! Seitdem mein berufliches Leben mit der Schule verbunden ist, empfinde ich die sechseinhalb Wochen der Sommerferien als die schönste Zeit im Jahr. Und ich empfinde es geradezu körperlich, wie mir die Ruhe dieser Wochen gut tut – die Verlangsamung, die Momente der Leere und die gelegentliche Langeweile. Was viele heute nicht mehr wissen: Ruhen, zur Ruhe zu kommen ist keine Faulheit, sondern eine große Tugend – und sie wurde vom Schöpfer der Welt selbst angeordnet.

Viele denken ja immer noch, dass Arbeit – am besten möglichst viel Arbeit – eine gute „christliche“ Tugend sei. Gerade unter uns Protestantinnen und Protestanten gilt es geradezu als unschicklich, wenn du mal nicht so viel zu tun hast, nicht klagen kannst über zu viele Termine. Die Dramatik der Überlastung genießt unter uns eine gewisse soziale Anerkennung. Dabei sieht es die Bibel ganz anders: Ruhe ist von Anfang nicht notwendiges Übel, sondern ein Gebot Gottes: „Am siebenten Tag sollst du ruhen“, heißt es in den Zehn Geboten. Als wenn Gott gewusst hätte, dass wir nicht zur Ruhe kommen, wenn uns das nicht ausdrücklich einmal jemand nahe legt.

Am siebten Tag ruhte Gott von seinen Werken. War Gott von der Schöpfung müde? Musste er sich erholen? Das halte ich für unwahrscheinlich. Gott ist doch unerschöpfliche Energie und „wird nicht müde noch matt“ (Jesaja 40,28). Nein, die Schöpfung der Welt hat Gott nicht ermüdet. Aber am siebten Tag ruhte Gott – und setzte damit eine Regel, die uns Menschen gut tun soll.

Für mich zeigt das Sabbatgebot: Unser Gott ist ein durch und durch menschenfreundlicher Gott. Er weiß, dass wir, im Gegensatz zu ihm, durchaus „müde und matt“ werden. Dass wir nicht unermüdlich an der Arbeit sein können. Dass unsere Energien nicht unerschöpflich sind. Wir Menschen brauchen den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, Arbeit und Muße, Ferien und Schule, Alltag und Feiertag. Wer nie etwas zu tun hat, wird unglücklich. Ja. Doch wer nie eine Pause macht, brennt aus. Wir brauchen Auszeiten, Phasen, in denen das Lebenstempo langsamer wird. Wir brauchen Ruhe in der pausenlosen Unruhe unsrer Welt.

Ruhe ist kein notwendiges Übel, sondern vom Schöpfer selbst angeordnet: der „Sabbat“ – ein Ruhetag pro Woche, übrigens nicht bloß für die Menschen, sondern auch für die Tiere und Pflanzen und die ganze Schöpfung. Die Sabbatruhe war das markante Merkmal, das das Volk Gottes im Exil von seiner Umwelt unterschied. Dauernde Arbeit, pausenlose Aktivität, ständige Verfügbarkeit, auch pausenloser Konsum und ununterbrochene Ausbeutung der Natur: Das ist heidnisch, ist lebensfeindlich – das gilt in unseren Tagen immer noch.

Was drücken wir aus, wenn wir es ruhiger angehen lassen?

Zum einen: Ich bin mehr als meine Leistung. Wenn ich ruhe, also einmal nichts „leiste“, bin ich doch ganz Mensch. Jedes Wochenende, an jedem Sonntag sagen wir im Grunde: Ich bin mehr als meine Leistung. Ich definiere mich nicht in erster Linie durch meine Arbeit und das, was ich leiste. Alle paar Tage höre ich bewusst auf mit dem Arbeiten und darf einfach ich selbst sein. In Klammern: Für viele heute ist das fast eine Zumutung. Und so sind die Angebote der Zerstreuung, die eine wirkliche Ruhe eher verhindern, so zahlreich wie die Sterne am Nachthimmel. Zur Ruhe zu kommen – das müssen viele erst wieder lernen.

Zum zweiten bringe ich zum Ausdruck: Ich bin bewusst abhängig. Damit hängt eine innere Einstellung zum Leben, eine Haltung zusammen, nämlich: Wenn ich ruhe, bin ich ganz auf Empfang. Ich bin mehr als das, was ich aus mir selbst mache. Ich bin ein Empfangender. Und das immer. Ich brauche mein Leben und den Sinn meines Lebens nicht selber zu begründen. Das wird mir geschenkt. Wenn ich ruhe, sage ich Ja dazu. Und Menschen, die mit Gott leben, wissen es: Das entscheidende Tun in meinem Leben ist das, was ich Gott an mir tun lasse. Darum sind auch Beten, die Stille und das Hören auf Gott die wichtigen Faktoren, die meine innere Qualität definieren.

Und schließlich: Ich zentriere mich neu. Ein Rad, dessen Achse nicht gut sitzt, läuft nicht rund. Wenn ich ruhe, zentriere ich mich neu. Das hebräische Wort für Ruhe heißt „menuah“ und hat viele Nuancen: Gelassenheit, Klarheit, Friede, Ruhe. Aus der Ruhe heraus finde ich neu meine Mitte. Damit werde ich auch frei für neue Herausforderungen. „Die Ruhe ist nicht der letzte Seufzer der Ermattung, sondern ein Offenwerden für neue Anfänge“, schreibt der schwedische Schriftsteller Tomas Sjödin.

Die eigentliche Mitte meines Lebens – das Zentrum, um das sich unser Leben dreht – sollte Gott sein. Dazu sind wir geschaffen. Darum dienen die Ruhe und der Ruhetag dazu, uns auch wieder auf Gott zu (kon-) zentrieren. Zu ruhen heißt deshalb auch, bei Gott zu sein und zusammen mit Gott aufzuatmen. Sich an der Quelle des Lebens neue Kraft holen.

Alles, was unser Leben lebenswert und schön macht, lebt von der Unterbrechung des Alltäglichen. Kultur genießen oder Kultur schaffen, Freundschaften pflegen, die Liebe zu anderen Menschen, auch die Liebhaberei für ein Hobby, Zärtlichkeit sowieso, aber auch zusammen zu feiern und gemeinsam etwas Gutes für andere zu tun – alles das braucht Zeit, braucht Ruhe, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Unterbrechung des Alltags.

Die gute Nachricht für uns, die jetzt keinen Urlaub haben, nicht auf Reisen sind, sondern Tag für Tag ins Büro kommen und unsere Arbeit tun: Unterbrechungen, die eine andere Qualität in unser Leben hineinlassen, die gehen auch bei der Arbeit – dienstagsmorgens in der Wochenandacht in unserer Marktkirche zum Beispiel oder in der Mittagspause. Oder wenn ich die Arbeit einfach einmal für ein paar Minuten unterbreche – mich ordentlich stecke und dehne, ganz in Ruhe eine Tasse Kaffee trinke oder bloß aus dem Fenster schaue.

Haben Sie den Mut zur Verlangsamung, zur Ruhe auch mitten im Alltag – in Gottes Namen.

Dietmar Klinke