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Ich denke, also bin ich

Das Denken und damit Nachdenken gehört zu unserem Menschsein. Dazu ist mir der Satz des Philosophen René Descartes wieder in Erinnerung gekommen: „Ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum). In seinem Nachdenken über sich selbst, kommt Descartes nach radikalen Zweifeln zu der Erkenntnis: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“ Deshalb sein Grundsatz „Ich denke, also bin ich“.

Bezogen auf unser Nachdenken im Raum der Kirche tut es gut, sich einen solchen Erkenntnissatz zu eigen zu machen und daran zu orientieren. Deshalb ist ein kritisches Nachdenken wichtig, weil sonst vieles gedankenlos hingenommen wird. So stellen sich Fragen ein. Zum Beispiel: Warum kehren so viele Menschen der Kirche den Rücken zu? Bedeutet der Austritt zwangsläufig auch eine Absage an die von der Kirche vertretenen Werte und Ziele? Die Institution Kirche stellt eine Macht in diesem Staate dar. Sie beschäftigt mit ihren Sozialeinrichtungen Millionen von Menschen. Dennoch verliert sie an Boden und der Traditionsabbruch ist sichtbar und spürbar. In unserer Großstadtgemeinde melden sich zum kirchlichen Unterricht keine 50 Prozent der Jugendlichen des jeweiligen Jahrgangs an. Kirche spielt oft in den Familien keine Rolle mehr. Der Wandel in Kirche und Gesellschaft ist gewaltig. Und es scheint, dass Kirche immer hinter den Veränderungen der Lebenswirklichkeit hinterherhinkt.

Im Nachdenken über Gott und die Welt, im Nachdenken über die Zustände und Missstände in Kirche und Gesellschaft, finde ich es bemerkenswert, dass einzelne Menschen zu außergewöhnlichen Aktionen greifen, um andere Menschen zum Nachdenken wach zu rütteln. So las ich am 26. August in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit einem württembergischen Pfarrer, der in seiner Urlaubszeit gegen Atomwaffen demonstrieren geht. Der Redakteur der Zeitung fragt den Pfarrer und Friedensaktivisten Rainer Schmidt: „Was sagt Ihre Kirche dazu?“ Und er antwortet: „Ich veranstalte die Mahnwache nicht im Auftrag der Kirche, sondern in meinem Urlaub. Meine württembergische Landeskirche hat es nicht leicht mit mir und umgekehrt. Sie würde es sicher lieber sehn, wenn ich einem konventionelleren Hobby nachging. Mein Hobby ist nun einmal die Friedensarbeit. Aber wir finden trotz unterschiedlicher Meinungen einen gemeinsamen Weg.“

Der Redakteur weiter: „Sind Sie schon lang in der Friedensbewegung aktiv?“ Rainer Schmidt: „Nein. Ich war viele Jahre ein ganz normaler Pfarrer. In meiner früheren Gemeinde entdeckte ich dann, wie viele Rüstungsfirmen es rund um den Bodensee gibt. Ich engagierte mich gegen die Rüstungsfirmen und merkte, dass die Kirche in der Frage von Waffengeschäften zweigleisig fährt. In der Kirche wird zwar viel für den Frieden gebetet, aber man sagt nur selten etwas gegen bestimmte Rüstungsfirmen. Ich wurde dann nach Aalen versetzt.“ Der Redakteur: „Ist das Engagement gegen Atomwaffen eine Christenpflicht?“ Rainer Schmidt: „Ich denke schon. Gott möchte den Weltfrieden. In der Bibel steht, dass man eines Tages Schwerter zu Pflugscharen um schmieden wird. Atomwaffen wird man verschrotten. Ich leiste einen sozial-diakonischen Dienst, so wie jene Geistlichen, die sich in früheren Jahrhunderten für die Rechte der Armen eingesetzt haben.“

Dieser Pfarrer zeigt Bekennermut. Sein Nachdenken über die Doppelmoral, wie Kirche den Zusammenhang von Waffenexporten und Frieden verharmlost, hat ihn zum Friedensaktivisten gemacht. Und wir erleben heute, dass diese Waffen verheerende Kriege auslösen und die Menschen als einziges Mittel zum Überleben die Flucht suchen. Zu hunderttausenden sind sie auf der Flucht übers Meer und auf dem Land. Nun sind sie da und Politiker schaffen Gesetze, die eine Willkommenskultur der Integration, kippen lässt. Aktuell sind es die „Wohnsitzregeln“ für anerkannte Flüchtlinge. Sie müssen in dem Bundesland drei Jahre wohnen bleiben, in dem sie den Status als Flüchtling bekommen haben. Für unsere syrische Familie aus Damaskus, die seit einem Jahr in einer Gemeindewohnung lebt, bedeutet es, dass ihr 19jähriger Sohn, der nur zu Besuch nach Essen kommen darf, in Württemberg festsitzt. Wo bleibt das Mitgefühl? Diese Familie ist auf drei Fluchtwegen nach Deutschland gekommen. Es ist allzu natürlich, dass die Familienzusammenführung an erster Stelle steht. Der Wert der Familie hat gerade für diese Menschen in der Ferne eine herausragende Bedeutung. Können Politiker sich darin nicht hineindenken und ins Nachdenken kommen?

Im Raum der Kirche sollten wir immer wieder nachdenken über die Frage: Was würde Jesus dazu sagen?

Werner Sonnenberg

Ein Gedanke zu „Ich denke, also bin ich

  1. Keine Situation kann so schlecht sein, dass nicht einige Menschen sich daran eine „goldene Nase“ daran verdienen – sei es bei der Waffenproduktion oder beim Vermieten von schimmeligen Wohnungen.

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