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Es ist vollbracht und es ist viel zu tun

Es ist vollbracht. (Johannes 19,30)

Jesus Christus: gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes – so bekennen wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis den Sohn Gottes, der in die tiefsten Tiefen hinabgestiegen ist. Ob man sie nun Totenreich oder Hölle nennt: Jesus geht dem menschlichen Leiden auf den Grund, er geht ihm nach bis in den tiefsten Abgrund.
Am Karfreitag werden wir über Jesus mit hineingenommen in Leid, Schmerz, Verzweiflung und entwürdigende Aussichtslosigkeit im Alltagsleben vieler Menschen. Wir brauchen so gesehen keine jenseitige Höllenvorstellung, um zu wissen, dass es sie gibt, die Hölle, hier und jetzt. Dass es sie immer gab, quer durch Kontinente und Kulturen. Es gibt diese Orte, an denen Menschen verzweifelt sind und sich zutiefst verlassen fühlen. Hier mitten unter uns.
Die Hölle heute – sie heißt auch Demenz und Alzheimer. Ich bin mir sicher: zu den an Demenz Erkrankten würde Jesus heute hinabsteigen, um dem Leid der Menschen auf den Grund zu gehen. Er würde zu denen gehen, die in ihrer Demenz einsam sind, weil sie so viel verlernt haben von dem, was wir für selbstverständlich halten.
Angehörige schildern, wie sie durch die Veränderung eines vertrauten Menschen erschüttert werden. Eine Veränderung, die eben Angst macht. Wer der Demenz begegnet, begegnet immer der eigenen Angst. Der Angst davor, die Kontrolle über sich zu verlieren; der Angst davor, total angewiesen zu sein auf andere. Der Angst davor, nicht mehr zu wissen, wer man selber ist.
In Seelsorgegesprächen erzählen mir die Menschen, dass sie nicht den Tod selbst fürchten, jedoch ein Altwerden in Demenz. Altersdemenz wird verbunden mit der Vorstellung einer Lebensphase, in der die Würde scheinbar ganz verschwindet. Und diese Würdelosigkeit im Leben ist für viele schlimmer als der Tod – sie ist ein langer Karfreitag: gewindelt, gefüttert, oft auch verlacht und verspottet.
In Deutschland gibt es 1,2 Millionen Alzheimer-Patienten, die meisten von ihnen sind ältere Menschen – mindestens über 65 Jahre alt. Natürlich: es gibt einige Oasen der würdevollen Begleitung von an Demenz erkrankten Menschen. Es gibt Wohngemeinschaften für Demenzkranke – auch unsere Evangelischen Kliniken Essen-Mitte haben sich mit der Klinik für Geriatrie und einem Zentrum für Altersmedizin darauf eingestellt. Wissend, dass bis zum Jahr 2030 die Bevölkerungsgruppe der über 80jährigen voraussichtlich um mehr als 60 Prozent zunehmen wird.
Der Kern von Karfreitag ist der Gekreuzigte selbst. Sein „Es ist vollbracht“ ist ein Auftrag an uns, selbst zu vollbringen. Und das heißt in der Nachfolge Jesu durchaus: Das Altern zu lernen. Hilfsbedürftigkeit ist keine Störung, die behoben werden muss, sondern gehört zum Menschsein.
Jesus sagt: „Es ist vollbracht“ – so ist es auch. Sein Wort ist in der Welt. Für uns Christen ist es Gottes Wort. Sein „Lieblingsjünger“ Johannes entfaltet es in seinem Evangelium als Botschaft des Friedens, der Liebe und der Freiheit. Ein Verfallsdatum kennt es nicht. Im Gegenteil: es trägt für alle Zeit die Chancen auf ein menschenwürdiges Leben in sich – Chancen, die darauf warten, ergriffen zu werden. Jesus hat das Seine getan. Seit seinem Tod ist der Mensch am Zug.
Im letzten Jahrhundert haben die Menschen zwanzig Jahre an Lebenszeit gewonnen. Die lange Phase des Alterns ist so neu, dass wir es erst noch gründlich lernen müssen. Aber wenn wir es gut lernen, wird es unsere Gesellschaft verändern und menschlicher machen.

Ja, es ist vollbracht – und ja, es ist noch viel zu tun.

Marion Greve