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Ein Schicksal, das mich nachdenklich macht

Sicher ist Ihnen auch schon der Name Asli Erdogan in letzter Zeit irgendwo, irgendwie in den Medien begegnet. Eine von den vielen, den tausenden, ja den zehntausenden Intellektuellen, Künstlern und Journalisten, die in der Türkei versucht haben, entweder die Bildung, die Demokratie oder die Meinungsfreiheit und Menschenrechte oder auch alles zusammen voranzutreiben.

Aber die Berichte über Asli Erdogan schockieren, berühren mich besonders. Sie soll als Terroristin abgestempelt, verurteilt werden, und das bei einer, die sich auf eine friedliche und auf eine unaufdringliche, aber nachhaltige Art für Minderheiten und für Gerechtigkeit eingesetzt hat. Ganz anders als das, was man unter einem Terroristen versteht.

Asli…, der Name kommt mir bekannt vor. Schließlich dämmert es mir, ich erinnere mich, ein Buch über sie gelesen zu haben: „Die Stadt mit der roten Pelerine“. Die Geschichte spielt in Brasilien und sie zeigt die Schattenseite Brasiliens, die Favelas, die Armut, die Gewalt, die Gleichgültigkeit und die Autorin mittendrin, mit vielen autobiografischen Zügen, mit einer wunderschönen poetischen Sprache, die zarte Bilder erfindet um etwas dem Leser nahezubringen, von denen man sich fragt, wie kommt jemand auf so etwas. Die Sprache war wie lauter helle Sterne in einer trüben, dunklen Nacht, der Geschichte selber.

Auf mich wirkte die Geschichte damals dunkel und vor allem perspektivlos, aber sie zeigte eine wahre Seite von Brasilien. Ich habe damals beide Seiten der Medaille gesehen, als ich, vor über 20 Jahren, als Studentin in den Semesterferien für fünf Wochen mit einer Freundin in Brasilien war. Es war ein herrliches Abenteuer für uns. Wir wurden gewarnt vorher, zwei junge Frauen alleine in Brasilien… aber wir hatten uns ein halbes Jahr lang gut darauf vorbereitet. Wir hatten unsere Ziele, den Sambatanz, die Sambamusik, unsere landschaftlichen Highlights; und wir hatten uns sogar Kontakt- und Notadressen vorher besorgt. Besonders der Tanz und die Musik drückten für uns eine unbändige Lebensfreude aus, und wir hörten überall in den Straßen, durch die offenen Fenster, diese unglaublichen Sambarhythmen aus den Häusern klingen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Wir hörten sie so häufig und so beiläufig, dass der Rhythmus sich in kurzer Zeit dauerhaft durch unsere Ohren einen Weg in unsere Körper bahnte und in uns weiterklang, selbst wenn wir die Klänge von außen gerade nicht vernahmen. Ich verstand, dass Kinder, die mit diesem Rhythmus groß wurden, den Rhythmus auch unweigerlich im Blut haben; und ich verstand die Selbstverständlichkeit, mit der brasilianische Leiber diesem Rhythmus einen Ausdruck verleihen. Es war Lebensfreude pur, trotz Armut, trotz Elend. Dazu die ständige Sonne und Wärme.

Aber wir lernten auch die Favelas (Elendsviertel) kennen. Ich bekam einen Hauch von dieser düsteren, dunklen Atmosphäre mit, die ich beim Lesen von Aslis Buch empfand, als wir versuchten, uns einer Favela auf eigene Faust zu nähern. Meiner Freundin und mich befiel gleichzeitig und unabhängig voneinander so ein ungutes Gefühl schon in der ganzen Niemandslandzone um die Favela herum, also bevor wir überhaupt die Favela erreichten; so dass wir schleunigst kehrt machten, obwohl nichts zu sehen und zu hören war. Später drangen wir doch noch bis in eine Favelas vor, aber durch Nonnen geschützt, die in der Favela den Kindern Unterricht gaben und uns anschließend auf Portugiesisch die Favela erklärten und uns dort herumführten. Ich und meine für Brasilianer besonders auffallende, da große und blonde Freundin zogen zwar die Blicke aller auf sich, aber von Gefahr keine Spur und das beängstigende Gefühl von unserem ersten Versuch, bis in eine Favela vorzudringen, war spurlos verschwunden – die Nonnen begleiteten uns. Ich dachte in dem Moment nicht mal mehr daran. Das heißt, ich sah das Elend, aber es konnte nicht zu mir, in meinen Körper und in meine Seele hinein dringen, wie diese Sambamusik es vermochte und wie die Favelastimmung es vermocht hätte, wäre ich ohne Nonnen und alleine gewesen.

Asli Erdogan war aber alleine und einsam, sie hatte offensichtlich keinen Schutz; und diese Stimmung, die ich aus ihrem Buch heraus las und mich damals bedrückt das Buch zur Seite legen ließ, war die Kehrseite der brasilianischen Medaille, die sie ungefiltert durchdrungen haben muss und die sie dann niederschrieb. Ihr auffallender, poetischer Sprachstil waren Lichtblicke, die aus ihrem Inneren selbst aufleuchteten, etwas, das sie am Leben erhielt.

Ich forsche weiter nach und komme zu dem Schluss, dass diese hoch intelligente und intellektuelle Frau, eigentlich Physikerin von Beruf, versucht, sich selber frei zu schreiben und gleichzeitig als Journalistin für andere, für diskriminierte Minderheiten in der Türkei einzutreten.

In einem weiteren Buch von ihr, welches ich ausfindig machte, ist die Hauptperson wieder eine einsame Frau, diesmal eine einäugige, die aber als Beobachtende nachts einsam und alleine durch die Straßen zieht und dadurch, losgelöst vom geschützten Gruppendasein, trotz des nur einen Auges, schärfer ihr Umfeld auf besondere Weise wahrnimmt, als Zweiäugige es vermögen. Doch obwohl sie eine „Sehende“ ist, ist sie nicht frei. So schreibt sie: „Ich fühlte mich eingesperrt in einer Einzelzelle, die gerade mal so groß war, dass ich mich darin rühren konnte, und begriff zum ersten Mal, wie schwer es ist, nur in sich selbst Unterschlupf zu suchen.“

Hat sie damals schon geahnt, dass sie irgendwann tatsächlich in einer Gefängniszelle sitzen wird? Als „Sehende“ konnte sie nicht schweigen und hat als Journalistin über Einzelheiten der Diskriminierung von Kurden öffentlich berichtet, weil sie unter ihnen gelebt hat und alles mit eigenen Augen gesehen hat. Sitzt sie dafür im Gefängnis?

Ihr Anwalt schreibt: „Ich muss sagen, dass dies keine rechtmäßige Inhaftierung ist, es gibt hier keine juristische Logik. Hier geht es allein um eine politische Bestrafung.“ Can Dündar, der in Deutschland inzwischen im Exil lebt und wohl der derzeit prominenteste türkische Journalist ist, sagte auf der Frankfurter Buchmesse in etwa Folgendes: Es gibt eine andere Türkei, die nicht die Türkei Erdogans ist und die die meisten Deutschen hier nicht kennen, diese Türkei, die zur europäischen Demokratie hin will, wird gerade sehr geschwächt und vom Westen nicht ausreichend wahrgenommen, geschweige denn unterstützt. Dabei ist das entscheidend dafür, ob sich gerade in der nächsten Zeit die Türkei auf den Osten oder den Westen hin bewegen wird.

Ich bin der Ansicht: Wenn wir an so einer wichtigen politischen Schnittstelle sind, können wir uns den Luxus nicht erlauben, nur zuzusehen. Sind wir etwa auf einem Auge blind, wenn wir nicht erkennen, wie bedeutungsvoll die zukünftige politische Entwicklung der Türkei auch für unsere Demokratie sein kann? Und haben wir Christen nicht darüber hinaus eine weitere Aufgabe?

Mein Blick fällt wieder auf das Buch von Asli und ich lese: „Die Formel für Chaos ist eigentlich einfach. Tod = Tod. Leben = Leben“. Mein Blick hebt sich und ich sehe die brennende Kerze vor mir. Wir haben Dezember und Weihnachten naht. „… und das Licht kam in die Finsternis“, heißt es bei Johannes 1,5. Müssten wir Aslis Formel nicht entgegensetzen: Tod heißt Leben und Leben heißt Tod? „Geboren zum Sterben, gestorben zum Leben“, steht auf dem Grabstein eines ehemaligen Pfarrers. Dringt dieses Licht, welches wir kennen und in Christus benennen, nicht bis in das innere und äußere Gefängnis hinein?

Wir haben jedenfalls den Auftrag, das Licht nicht nur für uns zu beanspruchen, sondern es in die Welt hinaus zu tragen. Nun ist es aber derzeit so, dass wir den „Luxus“ haben, dass „die Welt“ sogar zu uns kommt. Wie gehen wir im politischen Sinne als auch im christlichen Sinne damit um – und wie wollen wir in Zukunft damit umgehen?

Elke Hilbert

Asli Erdogan, geboren am 8. März 1967 in Istanbul, ist eine türkische Physikerin, Journalistin und eine in der Türkei bekannte Schriftstellerin. Sie gehört zu den Fürsprechern der kurdischen Minderheit in der Türkei. Als Kolumnistin schrieb sie zunächst für die Zeitung „Radikal“, dann ab 2011 für die kurdisch-türkische Zeitung „Özgür Gündem“. Am 16. August 2016 wurde Asli Erdogan im Rahmen der so genannten „Säuberungen“ nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei vom 15. Juli 2016 mit 22 anderen Journalisten der Zeitung verhaftet. (Quelle: Wikipedia).

Die Zeitschrift „Radikal“ ist linksliberal und antinationalistisch. Seit Atatürk gibt es einen Streit zwischen den Nationalisten, die die Verknüpfung von Religion und Politik beibehalten wollen und den Antinationalisten, die die Trennung, wie bei uns, von Politik und Religion für erforderlich halten und u. a. die Gleichberechtigung gegenüber Minderheiten fordern. (Elke Hilbert)