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Ein Gehorsam, der Mut und Freiheit bringt

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apostelgeschichte 5,29)

Ein kritisches Programm des Christseins ist kaum kürzer zu fassen. Die Schlagworte eines Slogans könnten nicht besser gewählt werden. Der Satz klingt nicht nach einem Gebot, vielleicht mehr nach einem Befehl, jedoch ohne Zwang und ohne Bedrohung; ich würde sagen, wir hören ihn als eine Herausforderung.

Aber ist er das? Aber für wen? Und wie? Und was heißt das denn schon: „gehorchen“? Wird der Gehorchende, also der Gehorsame, nicht augenblicklich unfrei? Gehorsamkeit ist ein heute nur noch selten gebrauchtes, archaisch anmutendes Wort wie aus einer längst überkommenen Welt; es klingt nach Unterwürfigkeit und Obrigkeit, nach Missachtung und Strafandrohung. Aber die Antwort steckt schon im Wort selbst. Vor dem Gehorsam steht das Gehör: Das Hören der Worte desjenigen, dem wir angehören. Der hier angesprochene Gehorsam ist also nicht das blinde Befolgen unverstandener Befehle aus einer angsterfüllten Unterwürfigkeit heraus, sondern die Folge eines Zusammenhalts, einer Bindung an Gott, der uns erhört, dem wir angehören und demzufolge auch Gehorsam leisten. Dieses Gehorchen ist also Ausdruck einer tiefen Angehörigkeit.

Um den Satz recht verstehen zu können, müssen wir auf den biblischen Zusammenhang blicken. Petrus als Sprecher aller Apostel hat ganz Jerusalem mit der Lehre Jesu erfüllt. Zusammen mit Glaubensgenossen aus dem Gefängnis befreit, hat er seinem persönlichen Bekenntnis gegenüber der Priesterschaft eine Gestalt gegeben. Er erwiderte mit unserem Bibeltext auf den Befehl jüdischer Würdenträger, sich nicht mehr auf den Gekreuzigten zu berufen, also von seinem Bekenntnis zu Jesus abzulassen. Damit sind seine Worte vom Gehorsam zu Gott ein Zeugnis seiner Berufung; er nimmt für sich nicht nur die Freiheit der Verkündigung in Anspruch sondern erklärt sie zur Pflicht gegenüber Gott.

Diese Pflicht zur Verkündigung beruht für Petrus auf seinem unmittelbaren Bezeugen von Jesu Taten und Leben. Doch was kann uns modernen Menschen solch eine historische Berufung bedeuten? Wie können wir uns heute zu einem Zeugnis stellen, das uns mit zweitausend Jahren Abstand weltentfernt scheint.

„Und wir sind seine Zeugen über diese Worte und der Heilige Geist, welchen Gott gegeben hat denen, die ihm gehorchen“ (vgl. Apostelgeschichte 5,32). Petrus selbst gibt in dieser kurzen Rede die Antwort: Zeuge ist auch der Heilige Geist, welchen Gott gegeben allen, die ihm gehorchen. Der Gehorsam, das Hören, das Hinhören, das Angehören – das sind die Grundlagen, zu denen uns Gott die Erkenntnis der Bezeugung schenkt. Und Gott schenkt sie nicht nur den unmittelbaren Gefährten Jesu, sondern allen, die ihm gehorchen. Auch nach mehr als zweitausend Jahren und auch uns heute, wenn wir Gehorsam üben. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Als Protestant kann ich diesen individuellen Charakter religiösen Lebens begrüßen, und so verstehe ich die Monatslosung vom Gehorsam gegenüber Gott auf der Basis einer ganz und gar persönlichen Beziehung zu ihm.

Die Theologin Dorothee Sölle stellt zwei Arten des Gehorsams gegeneinander: Den blinden und den sehenden. Der sehende Gehorsam schließt in die personale Beziehung zwischen dem befehlenden Ich und dem gehorchenden Du den Inhalt des Befehls, die Sache, die getan werden soll, mit ein. Der Gehorchende steht hier also in einer doppelten Beziehung: Er ist bezogen auf den Befehlenden und auf die Sache, die befohlen ist. Gott fordert nicht allgemein und abstrakt durch ein zeitloses Gesetz Gehorsam, sondern fordert, in der sich ständig wandelnden Situation jeweils das Gebotene zu tun. Dabei geht es nicht um die Erhaltung einer unwandelbaren Ordnung, sondern um die Veränderung der dem Menschen anvertrauten Welt auf Gottes Zukunft hin. Indem der Mensch erst finden muss, was Gottes Wille ist, bleibt die Zukunft der Welt offen. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Ein neues Gehör für Gottes Wort. Ein Ohr, ein Sinnesorgan, ist behilflich dabei, miteinander zu leben und zu handeln. Es hilft mir, zu wissen, zu wem ich gehöre und wem ich angehöre. Aber ist das noch brauchbar?

Ja, denn wir haben es mit einer Beziehung zu tun; derjenigen des „Ich und Du“ mit Gott. ln dieser Beziehung kann das Wort „gehorchen“ verstanden werden. Ja, weil Gehorsam nicht blinde Befehlsausübung bedeutet. Ja, weil Gott zu gehorchen uns Christen Mut und Freiheit bringen kann. Und: Ja, weil dieser Gehorsam Ausdruck unserer Zugehörigkeit zu Gott ist.

Uwe Paulukat / nach einer Predigt von Dr. Dominique Ehrmantraut

Ein Gedanke zu „Ein Gehorsam, der Mut und Freiheit bringt

  1. Immer wieder schön zu sehen, was so alles aus der Bibel kommt. Und in dem Reformationsjahr entdeckt man dann, das auch der „große“ Luther „nur“ einer Tradition folgte, als er sagte, dass er nicht widerrufen könne. Die ganze Apostelgeschichte, die z.Zt. in der ökumenische Bibellese gelesen wird, ist voller Standhaftigkeit, Ärger und sowohl cleveren als auch bewahrten Vorgehen, der ersten Christen, die sich als Jünger bezeichneten.

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