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Der Hase

Am 16. November war Vorlesetag in Deutschland. Wer wollte und konnte, hat an diesem Tag anderen vorgelesen. Auch der Präses unserer Landeskirche, Manfred Rekowski, wollte an diesem Tag Kindern vorlesen und suchte sich dafür unsere Bücherei aus. Er las den Maxi-Kindern aus dem Kindergarten am Brausewindhang biblische Geschichten vor: zuerst die von der Schöpfung der Tiere mit Elefanten und Giraffen, Pferden und Hasen.

Und dann las er die Erzählung von der Arche. Bald kamen alle Tiere an die Reihe, die Noah mitnahm. Da fragte ein Kind: Und wo ist jetzt der Hase? Ja, wo? Man suchte Seite für Seite, aber es war kein Hase zu sehen. Schade. War er vorausgelaufen oder hatte er sich verkrochen? Erst am Schluss entdeckte die Mitarbeiterin der Büchereifachstelle zwei große Ohren in einem Bullauge. Da musste man schon genau gucken. Aber dann erkannte man die Ohren, die Zeichen des Hasen. Da wussten die Kinder: der Hase ist auch mit dabei. Alles war gut.

Ich komme gleich noch einmal auf diese kleine Begebenheit zurück. Aber bleiben wir einen Moment bei den Tieren. Im Advent spielt ja der Esel eine große Rolle. Nicht nur auf dem Weg nach Bethlehem, sondern auch schon bei der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Eigentlich gehört diese Erzählung ja zum Bericht von Jesu Sterben, aber sie hat zwei Plätze im Kirchenjahr, im Advent und in der Passion, damit wir es auf keinen Fall vergessen: Jesus kommt als neuer König, auch wenn es gar nicht danach aussieht. Er richtet ein Königreich auf, das seinesgleichen sucht.

Aber zum Advent gehören auch noch andere Tiere: Da liegen Wolf und Schaf beieinander, der Löwe frisst Stroh wie das Rind und das Kind spielt gefahrlos am Loch der Natter. So heißt es beim Propheten Jesaja.

Das ist nicht Teil eines Fantasy-Romans, sondern ein Versprechen: Unser Leben soll anders werden. Erfüllt, sinnvoll, friedlich, reich an Verständnis, Anteilnahme und Rücksicht, so aufeinander eingestellt, dass man nur staunen kann.

Und dieser Frieden, dieses Miteinander soll nicht an Grenzen enden. Nicht an der Grenze der Sympathie, nicht an Grenzen der Hautfarbe, Rasse oder Religion, nicht an der Grenze des Besitzes oder des Leistungsvermögens. Ja, selbst nicht an den Grenzen im Tierreich. Alles soll einbezogen sein in dieses Friedensreich Gottes. Mit diesem Bild der Tiere wird uns gesagt: Denk nicht zu klein. Erwarte nicht zu wenig von diesem Reich Gottes. Gib dich nicht zufrieden mit dem, was ist.

Gott denkt groß. Und zwar – trotz allem – mit dieser Welt. Und zwar – trotz allem – auch mit uns. Auch wenn wir noch so sind, wie wir sind. Auch wenn die Nachrichten heute nicht anders sind als gestern. Achten wir doch auf die Zeichen. Der Tannenbaum als Baum der Hoffnung, der auch in kalten Zeiten grünt und seine Nadeln nicht fallen lässt. Die Kerzen, die uns Licht geben in der Dunkelheit. Die Schneeflocken – jede einzelne lässt uns staunen über die Schöpfung Gottes. Die Krippe: Jesus ist in diese Welt gekommen. Sein Wort, sein Geist verwandeln uns und diese Welt.

Und der Hase. Der Hase? Upps… Bin ich jetzt in die falsche Zeile gerutscht und plötzlich bei Ostern gelandet? Nein, ich denke an die Hasenohren vom Anfang. Erinnern Sie sich? Der ganze Hase war nicht zu sehen. Nach dem suchten die Kinder vergeblich. Aber die Ohren waren das Zeichen. Als die Kinder das sahen, da war es gut.

Ja, wir sehen jetzt nur die Zeichen. Aber der ganze Advent ist ja solch ein Zeichen. Damit wir erkennen, wo Gott mit uns hin will: Dass der Friede um sich greift wie eine ansteckende Gesundheit; dass die Gesichter von Lächeln erfüllt werden statt von Stress oder Wehmut; dass wir fröhlich zusammen sind und den Frieden spüren.

Ja, lasst uns die Zeichen sehen. Und lasst uns auch selber welche setzen. Wie der Hase mit seinen Ohren.

Michael Banken

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