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Der Apostel Paulus als Architekt der Mitarbeitenden und die Zukunft der Kirche

Durch den Apostel Paulus, den Architekt der Mitarbeitenden (vgl. 1. Korinther 3,10), lernt die Kirche immer wieder neu, dass sie, also wir, ein Gemeinschaftswerk ist. Paulus und seine etwa 19 Mitarbeitenden haben uns das im 1. Jahrhundert vorgemacht. Das wollen wir uns durch diesen Beitrag näher anschauen.

Sein liebster, wichtigster und ältester Mitarbeiter (Römer 16,21 „mein synergós“) ist Timótheos/us mit dem schwer auszusprechendem Namen. Er wurde in Lystra (Lykaonien) in Kleinasien geboren als Sohn eines heidnischen Vaters und einer jüdischen Mutter Eunika. Sie und seine Großmutter erzogen ihn in der Gottesfurcht und in der Liebe zu den heiligen jüdischen Schriften.

Als Paulus das erste Mal in Lystra weilte, bekehrte er die beiden Frauen zum christlichen Glauben. Als er nach etwa fünf Jahren wieder nach Lystra kam, fand er den jungen Timotheus als eifrigen Jungen heranwachsend vor. Er ließ ihn nicht beschneiden (das widersprach der Grundlehre des Apostels), vielmehr taufen und betrachtete ihn als seinen Vize-Sohn. In 1. Korinther 4,17 nennt er ihn „mein geliebtes Kind“. In Philipper 2,22: „Ihr aber wisst, dass er sich bewährt hat; denn wie ein Kind dem Vater hat er mir mit dem Evangelium gedient.“

Als Mitarbeitender wird ihm eine hohe Ehre zuteil. Paulus nennt ihn als Mitabsender in vielen seiner Briefe. Im ältesten Brief aus dem Jahr 50 neben Silvanus (1. Thessalonicher 1,1; direkt neben Paulus: 2. Korinther 1,1; Philipper 1,1 (Knechte – Sklaven Christi Jesu; Philemon 1: Paulus, ein Gefangener Christi Jesu, und Timotheus der Bruder, an Philemon). Die besondere Position von Timotheus zeigt sich beim Apostel, dass er ihn zu den Gemeinden sendet. Darin ist er nur Titus vergleichbar. In 1. Thessalonicher 3,1f.: „Darum ertrugen wir´s nicht länger und beschlossen, in Athen allein zurückzubleiben, und sandten Timotheus, unsern Bruder und Gottes Mitarbeiter am Evangelium, euch zu stärken und zu ermahnen in eurem Glauben…“

Timotheus ist für Paulus als Mitarbeitender Teilhaber an seiner Verkündigung, wie wir gerade sahen. Ein schöner Beleg dafür ist 2. Korinther 1,19: „Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.“ Er hat sogar die Aufgabe, die Gemeinde auf die Bahn der paulinischen Verkündigung zurückzubringen, wie 1. Korinther 4,17 zeigt: „ Darum habe ich Timotheus zu euch gesandt, der mein lieber und getreuer Sohn ist in dem Herrn, damit er euch erinnere an meine Weisungen in Christus Jesus, wie ich sie überall in den Gemeinden lehre.

Mitarbeitende auf den Missionsreisen des Paulus

Timotheus und Titus, „der mein Gefährte und Mitarbeiter ist“ (vgl. 2. Korinther 8,23a), zählten zu Paulus engsten und langjährigsten Mitarbeitenden. Timotheus und Silvanus (aramäisch Silas) waren das Missionsteam auf seiner ersten Missionsreise nach Europa/Makedonien/Attika, wie wir inhaltsreich im 1. Thessalonicher lesen können (2. Korinther 1,19 haben wir gerade oben zitiert). Titus spielt eine besondere Rolle in Korinth und bei dem sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem.

Beide sind, wie gesagt, für den Apostel wichtige Gemeinde-Boten. Er sendet Timotheus auf Visitationsreisen nach Mazedonien und Korinth (vgl. Philipper 2,19-23 „Ich habe keinen, der so ganz meines Sinnes ist, der so herzlich für euch sorgen wird“ , Vers 20; 1. Korinther 4,17; 16,10f). Am Ende seines Ephesinischen Gemeindeaufenthaltes sendet er ihn und Erastus nach Mazedonien (vgl. Apostelgeschichte 19,21f.). Er begleitet Paulus auf seiner letzten Reise mit anderen nach Jerusalem (vgl. ebenda 20,4). Damit tritt er aus unserem Gesichtskreis. Die kirchliche Überlieferung vornehmlich im Osten machte ihn aufgrund von 1. Timotheuas 1,3 zum ersten Bischof von Ephesus.

Titus erfährt eine ähnliche Ehrung. Er wird zum ersten Bischof von Kreta. Titus ist ein Mann „aus den Völkern“, ein Heide, von seiner Herkunft her. Aus Galater 2,1-10 erfahren wir, dass er schon bei dem sehr bedeutsamen Ereignis des sog enannten Apostelkonzils in Jerusalem dabei gewesen ist. Dieses fand im Jahre 48 oder Frühjahr 49 statt. In Vers 3 schreibt der Apostel selbst- und freiheitsbewusst: „Aber selbst Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde nicht gezwungen sich beschneiden zu lassen.“

Eigentümlich ist es, dass die Apostelgeschichte ihn überhaupt nicht erwähnt. Ebenso eigentümlich ist es, dass sein Name nie in einer Absenderangabe in den Paulusbriefen genannt wird. In Jerusalem erwähnt der Apostel die Sammlung für die Armen in der Heiligen Stadt, die Kollekte („dass wir nur an die Armen dächten, was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun“ Galater 2,10). In deren Zusammenhang spielt Titus eine wichtige Rolle. Paulus sendet ihn nach Korinth, u.a. wegen eben dieser wichtigen Kollektensammlung (vgl. 2. Korinther 8,6: „…so haben wir Titus zugeredet, dass er, wie er zuvor angefangen hatte, nun auch diese Wohltat unter euch vollends ausrichte“).

„Ich schrieb euch aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen; nicht, damit ihr betrübt werden sollt, sondern damit ihr die Liebe erkennt die ich habe besonders zu euch“ (2. Korinther 2,4). Titus ist der Überbringer dieses sogenannten Tränenbriefes (vgl. 2. Korinther 10-13). In diesem Konflikt hat Titus erfolgreich und geschickt agiert, wie 2. Korinther 7,5-16 zeigt. Den Titusbrief sieht die historisch-kritische Forschung nicht als echten Paulusbrief an.

Priscilla und Aquila

Was ich jetzt schreibe, wird manchen gar nicht gefallen, manchen sicher mehr. Vor vielen Jahren hat der berühmte griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis einen Roman mit dem Titel: „Die letzte Versuchung“ geschrieben, welcher ihm die Verurteilung seiner griechisch-orthodoxen Kirche eingetragen hat. Warum? Er beschreibt wunderbar die Liebe Jesu zu Maria Magdalena. War Jesus vere homo, wahrer Mensch, oder nicht?

Vor zwei Jahren hat der evangelische Neutestamentler Gerd Theissen einen Roman über Paulus in Rom „Der Anwalt des Paulus“ veröffentlicht. Doch den für mich alles übertreffenden biografischen Roman hat vor dreißig Jahren die als evangelische Theologiestudentin erblindete Susanne Krahe aus Münster verfasst: „Das riskierte Ich – Paulus aus Tarsus“ (Verlag Christian Kaiser, 1991). Das für mich faszinierendste Kapitel 9 heißt: „Prisca“. Die evangelische Kirche geht mit seinen Autoren gnädiger um.

Der Apostel Paulus hat sich in Prisca verliebt. Warum nicht? Er ist kein asketischer Mönch und Überapostel. Sie ist eine verheiratete Arbeitskollegin und Mitchristin. Ihre gemeinsame Handarbeit ist die Zeltmacherei, vornehmlich für das römische Militär. Das jüdisch-christliche Ehepaar Aquila und Priscilla sind bewegliche Leute. Sie leben als Bürger Roms. Der verniedlichende Name Priscilla, etwa kleine Prisca, trifft für diese energisch anpackende, starke Frau keineswegs zu. Sie war eine Prisca, ein strenge und ehrwürdige, ernste Frau, die ihrem Aquila und dem Apostel in nichts nachstand.

Kaiser Claudius verwechselte, wie manch andere, den Namen Jesus Christus mit „Chrestus“, dem Nützlichen, ein Sklavenname. Chrestus, Christus war ein Aufrührer und Anstifter von Unruhe. Die Christen galten in Rom wie anderswo als jüdische Sekte in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Die Juden machten viel Ärger, in Rom, auch zum Beispiel in Alexandrien. Juden und Christen wurden nicht unterschieden mit ihren ständigen Konflikten. Daher ließ sie Claudius im Jahr 49 vertreiben.

So kam das Zeltmacher-Ehepaar nach Korinth, und dort lernten sie Paulus kennen. Die Ankunft des Apostels in Korinth ist gegen Ende 50 zu datieren. Das Ehepaar aus Rom kam Anfang 51 nach Korinth. Diese Datierung entspringt nicht der Fantasie; sie ist vielmehr chronologisch total exakt, wie wir sehen werden. Der Bruder des Philosophen Seneca, Prokonsul Gallio, ist Garant dafür. Als er der Provinz Achaja vorstand – was historisch belegt ist – gab es wieder, wie in Rom, Ärger der Christen mit den Juden in Korinth.

Sie schlägt ihrem Mann und dem Apostel vor: „Gehen wir weg von Korinth – vielleicht nach Ephesus! Auch wenn es eine lange beschwerliche Reise ist.“ Prisca erkundigte sich heimlich nach christlichen Adressen in dieser großen Stadt. Verstohlen wie Diebe brachen die drei auf. Nicht einmal Lukas, der Neugierige, bekam das mit. Dann hat es Ephesus herausgekriegt und sie dort aufgespürt. Doch wirklich Zuverlässiges hören wir auch über Ephesus von Lukas nicht. Aber mit Meisterschaft in der ihm eigenen Erzählkunst gestaltet er mit dem Sinn für den genius loci die Erzählungen, die ihm zur Verfügung standen, aus der kleinasiatischen Metropole. In Apostelgeschichte 19 versucht er, ein geschlossenes Bild zu geben. Er will den großen Missionar Paulus verherrlichen, denn er erreicht alle Bewohner der Asia: Juden, Heiden, Sektierer mit seiner Botschaft.

In Römer 16 finden wir eine lange Grußliste, die nach begründeter Annahme fälschlich an das Ende des Römerbriefes gekommen ist. Es ist einigermaßen befremdlich, wenn Paulus an eine ihm unbekannte Gemeinde in Rom schreibt, eine solcher lange Liste aufzuführen. Zählen Sie mal ab! Es wäre besser, diese als Ende eines nicht mehr vorhandenen Briefes nach Ephesus zu lesen, den er kurz nach seinem Abschied von dort geschrieben haben könnte.

An der Spitze finden wir seine von Paulus hochverehrte Prisca und ihren Mann Aquila, „meine Mitarbeitenden (sagen wir heute) in Jesus Christus, die für mein Leben ihren Hals hingehalten haben, denen nicht allein ich danke, sondern alle Gemeinden unter den Heiden“ (Verse 3-4). Dann führt er einen Mann mit Namen Epänetus, „seinen geliebten Erstling der Asia“ (= Erstbekehrten) an.

Auf einen Namen möchte ich noch besonders aufmerksam machen: Junia(s) in Vers 7. Darum gab es Streit. Klaus Wengst schreibt in seinem Kommentar zum Römerbrief “Freut euch, ihr Völker mit Gottes Volk“ (Verlag Kohlhammer, 2008) sehr witzig: „Die an zweiter Stelle (Vers 7) genannte Person hat in der Geschichte der Überlieferung und Auslegung des Textes eine doppelte Geschlechtsumwandlung durchgemacht“ (S. 437). In der Antike galt sie als Frau: Junia. Dann wurde sie zum Mann gemacht: Junias. In den letzten dreißig Jahren durfte sie wieder zur Frau werden.

Aus dem Philipperbrief erfahren wir indirekt – wir an die zitierte Autorin denken – nicht ganz Unwichtiges vom Apostel. Der Brief ist ein Gefangenschaftsbrief, was gemeinhin nicht mehr so wahrgenommen wird, und – ganz unglaublich – ein Freudenbrief. Prisca war die Seelsorgerin des Apostels in der Gefangenschaft in Ephesus. Woher ich das weiß? Das erschließe ich mit Susanne Krahe. Ist das verboten?

Aus dem Philipperbrief können wir nur die Verhaftung und Haft in Ephesus entnehmen, aber nicht den Grund dafür. Es ist eine leichte Haft. Er ist nicht von der Außenwelt abgeschnitten, kann mit den Wachsoldaten Kontakt pflegen und ihnen vom Herrn Jesus erzählen. Er bekommt Besuch von Prisca, die ihn regelrecht betreut. Das nimmt er mit Freuden entgegen. Ebenso erfährt er Nachrichten aus der Gemeinde, kann wie gesagt Besucher und Gaben empfangen, Mitarbeiter entsenden und Briefe schreiben (vgl. Philipper 1,12ff.; 2,19ff.). Auch der Philemonbrief ist für alles ein Beweis. Darauf kann ich hier nicht eingehen.

Wir alle haben vom berühmten „Christus-Lied“ gehört, das wir in Philipper 2,5-11 lesen können. Über seinen Mitarbeiter Epaphroditus schreibt der Apostel eindrücklichst im Kapitel 2,22 ff:

„Ihr aber wisst, dass er sich bewährt hat; denn wie ein Kind dem Vater hat er mit mir dem Evangelium gedient. Ihn hoffe ich zu senden, sobald ich erfahren habe, wie es um mich steht. Ich vertraue aber in dem Herrn darauf, dass auch ich selbst bald kommen werde. Ich habe es aber für nötig angesehen, den Bruder Epaphroditus zu euch zu sen- den, der mein Mitarbeiter und Mitstreiter ist und euer Abgesandter und Helfer in meiner Not; denn er hatte nach euch allen Verlangen und war tief bekümmert, weil ihr gehört hattet, dass er krank geworden war.

Und er war auch todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt; nicht allein über ihn, sondern auch über mich, damit ich nicht eine Traurigkeit zu der anderen hätte. Ich habe ihn nun umso eiliger gesandt, damit ihr ihn seht und wieder fröhlich werdet und auch ich weniger Traurigkeit habe. So nehmt ihn nun auf in dem Herrn mit aller Freude und haltet solchen Menschen in Ehren. Denn um des Werkes Christi ist er dem Tode so nahe gekommen, da er sein Leben nicht geschont hat, um mir zu dienen an eurer Statt.“

Im Schlusskapitel nennt er weitere Mitarbeitende und schließt mit den wunderbaren Worten: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ (Philipper 4,4). „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus“ (Vers 7).

Die Zukunft der Kirche

Hypermodern, überzogen heißt es: „Die Kirche will smarter werden.“ Wo heißt es so? „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ (Geschäftsstelle der EKD, 2020, Seite 6). Nun denn! Da steht viel in hochmodernen und schwierigen Formulierungen. Mich interessiert hier nur das Kapitel 8: Mitarbeitende.

Dort heißt es zu Beginn etwas großspurig: „Zukünftig werden Initiativen gefördert, die Mitarbeitende im Blick auf den gemeinsamen evangelischen Glauben zu einem authentischen Handeln befähigen und ihre Sprachfähigkeit fördern. Unterschiede zwischen haupt- und ehrenamtlicher Tätigkeit werden abgebaut und Beschäftigungsmöglichkeiten flexibler Arbeitsbereiche, die nicht im Sinn des gemeinschaftlichen Zeugnisses wirken, werden aufgegeben“ (Hervorhebungen von mir).

Denken wir alle mit Blick auf den „Architekten“ darüber nach. Wie wird´s werden? Noch mehr zum Nachdenken regt der Schlussabschnitt des Kapitel 8 an:

„Das Prinzip der Dienstgemeinschaft lebt von wechselseitiger Fürsorge und Verantwortung, die unter den Leitbegriffen der Befähigung und der Wertschätzung konkrete Gestalt in der Gemeinschaft der Mitarbeitenden gewinnen müssen.“ Damit hatte der Architekt vor 2000 Jahren auch seine Probleme.

„Mitarbeitende benötigen geistliche und gemeinschaftliche Räume, in denen dies erlebbar wird.“ Gemeinschaft, communio, koinonía, steht wie eh und je ganz oben an.  Wir beten alle um viel Verwirklichung in der Zukunft der Kirche.

Eckhard Schendel