Sing ein Lied!

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. (Apostelgeschichte 16,25)

Nach einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf, weil mich so vieles wach hielt und ich in Sorge war, ob ich wohl alles so würde regeln können, dass es gut wird, laufe ich also etwas drömelig zur Arbeit mit Blick auf den Boden und lese plötzlich: Sing ein Lied. Ich habe keine Ahnung, wer das mit Kreide auf den Gehweg geschrieben hat, aber da stand es: Sing ein Lied. Ein Stückchen weiter stand die Aufforderung: Schau dich um.

Ich weiß nicht, ob es noch mehr Aufforderungen gab oder in welche Richtung ich hätte weiterlaufen müssen, um mehr zu lesen, ich habe auch beide Aufforderungen nur gelesen und nicht befolgt, aber – die Idee ein Lied zu singen, hat mich zumindest nicht losgelassen. Ich habe mich nämlich auf dem Rest des Weges gefragt, ob sich etwas in mir verändern würde, wenn ich jetzt einfach mal lossingen würde, anstatt weiter zu grübeln. Weiterlesen

Wer die Weisheit sucht, findet das Leben – und Gott

Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod. (Sprüche, 35-36)

Wenn in meiner Familie jemandem der Satz um die Ohren gehauen wurde: Du hast wohl die Weisheit mit Löffeln gefressen, dann war das beileibe keine Auszeichnung, sondern ein Höchstmaß an Kritik. Du hast doch gar keine Ahnung! Was mischst du dich in Angelegenheiten, die dich nichts angehen?! Glaubst du, du bist schlauer als ich?! Besserwisser, Alleskönner, Möchtegern, wie auch immer, die Weisheit mit Löffeln zu futtern, in diese Verlegenheit wollte man nicht kommen, stritt alles ab oder war bemüht, diesen Eindruck erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Dabei – wenn ich es recht überlege, schaden würde es ja nicht, wenn das möglich wäre. Wie gern würde ich selbst manchmal Weisheit futtern, immer im rechten Moment das Richtige sagen, hilfsbereit zur Seite stehen, Ratschläge erteilen, die tragen und weiterhelfen, wissen, wie man unsere Welt retten kann, Konflikte lösen und vor allem vermeiden, das eigene Leben so richtig im Griff haben, wissen, wo es lang geht. Ach, wie schön wäre das! Weiterlesen

„Ich habe den Herrn gesehen“

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! (Johannes 20,16)

Es müssen entsetzliche Tage gewesen sein, die hinter Maria Magdalena lagen. Die Ereignisse hatten sich nur so überschlagen. Erst Jesu Verhaftung, dann seine Verurteilung, dann sein grausamer Tod. Ob man das richtig begreifen kann? Ob die eigene Seele bei so etwas mitkommt? Ob man da nicht nur fassungslos daneben steht, gar nichts mehr fühlt, nur großen Schrecken und unendliche Trauer? Wie furchtbar das alles gewesen ist, wie grausam es war, das zu erleben, zu sehen, mit dabei zu sein und vor allen Dingen: nicht eingreifen zu können, nichts verhindern zu können, ihn nicht retten zu können. Weiterlesen

Vom Frieden und vom Jagen | Gedanken zur Jahreslosung #2

Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34,15)

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie einen Blick zurück werfen auf das vergangene Jahr. Ich kann viel Schönes entdecken, wunderbare Begegnungen und Gespräche mit Menschen, tatsächlich auch schöne Ausflüge und Urlaube, Oasen der Ruhe und Zufriedenheit, manches, was ich mir vorgenommen habe, ist auch gelungen – aber: ich bin auch müde am Ende diesen Jahres. Manches ist mir doch schwer geworden, manchmal habe ich mich nach breiteren Schultern und einer dickeren Haut gesehnt, manches war einfach viel, zu viel.

Mir ist also eher nach Anlehnen und Ausruhen, wenn ich an das neue Jahr denke, aber genau das wird von mir nicht erwartet. Erwartet wird, dass ich auf die Jagd gehe. Weiterlesen

Stärkt die müden Hände!

…ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)

Das Jahr war schnell, jedenfalls für mich – und nun fühlte sich die Adventszeit auch noch nicht so an wie sonst, was nicht nur am Wetter lag, aber vielleicht auch. Denn auch das macht mir deutlich, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Als ich neulich bei einem Patienten war, der mich angerufen hatte. Oh – nicht was Sie jetzt denken, er wollte mich gar nicht sprechen, er war auf der Suche nach jemanden, der ihm eine Telefonkarte besorgen konnte, was ich getan habe, weil die Grünen Damen und Herren geradedurch waren und er sonst lange hätte warten müssen. Wir kamen dann aber ins Gespräch. Über den Beruf seines Sohnes landeten wir in der Autobranche; nein – mit all den Betrügereien hat er nichts zu tun, er forscht in einer anderen Sparte. Aber wir zwei machten uns Gedanken über die Welt und vor allem über unsere Umwelt.

Der Patient war schon älter und gab seiner Verwunderung Ausdruck, dass diese lange Periode der Trockenheit, die wir hier in Deutschland gerade erlebt hatten, anscheinend niemandem außer ihm zu denken gäbe. Er konnte nicht begreifen, dass nicht ein lauter Aufschrei durch unser Land geht – und nicht nur da. Er schaute mich an und meinte: Das Schlimmste ist, dass wir es gar nicht mehr aufhalten können. Es ist schon zu viel passiert, selbst wenn wir jetzt alle… Und dann schaute er mich an: Sie stehen doch in der Öffentlichkeit, können Sie nicht darüber sprechen? Weiterlesen

Gott hat es getan!

Wenn ich von meiner Schwester nach Hause laufe, komme ich an diesem Büdchen vorbei, wo eigentlich immer welche stehen, die es sich bei einer Flasche Bier und Zigaretten gut gehen lassen. Normalerweise kann ich nicht verstehen, was sie miteinander reden, dieses Mal aber hörte ich im Vorübergehen, wie der eine Mann, der dort stand, dem anderen sagte: Die Menschen bringen sich alle gegenseitig um! Eine steile These, dachte ich spontan, und dann musste ich lächeln, weil mir einfiel, dass schon meine Großmutter mir versichert hatte: Die Menschheit bringt sich selber um. Weiterlesen

Lebensregeln

Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden … Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist… und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen… Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. (Galater 5,25-26; 6,1-2; 6.7)

Na, ich weiß nicht, wie ist es Ihnen ergeht, wenn Sie diese Lebensregeln lesen, die der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater aufstellt: Ob Sie innerlich nicken, das eine oder andere wohlwollend zur Kenntnis nehmen, oder ob sie verständnislos den Kopf schütteln und denken: Mensch, das kann doch keiner schaffen. Klingt zwar schön, aber ist doch meilenweit von uns und unserer Welt entfernt.

Ich selbst war verunsichert, als ich das gelesen habe. Lediglich meinen eigenen Trauspruch habe ich sofort freudig zur Kenntnis genommen: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Weiterlesen

Ein jeder sehe auf das, was dem anderen dient

Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. (Philipper 2,3-4)

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir haben diese Verse aus dem Brief, den der Apostel Paulus an die Philipper schreibt, so richtig gesessen! Ich finde mich so gar nicht darin wieder, weil ich im Moment auf Krawall gebürstet bin. Denn in dem Heim, in dem meine Schwester lebt, läuft es gerade nicht so rund, und das bringt mich ganz ordentlich auf die Palme. Da bin ich gar nicht einmütig und liebevoll, da bin ich – positiv formuliert – höchst engagiert, da kämpfe ich. Und es ist mir am Ende auch nicht wichtig, ob die Menschen mich dort mögen oder nicht. Meiner Schwester soll es gutgehen. Um das zu erreichen, bin ich im Moment so gar nicht handzahm, wie eine Bekannte das nennen würde, sondern richtig rebellisch.

In diese Stimmung hinein also dieser Text, der mich jäh auszubremsen scheint, zumindest ins Stolpern bringt, nachdenklich macht und mich auch kritisch hinterfragt. Um wen geht es hier, wenn du kämpfst? Geht es wirklich um Nedde, meine Schwester, oder doch um mich selbst? Geht es um Verbesserungen für Nedde oder um die eigene Ehre? Weiterlesen

Zweite Meinung

So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. (Jeremia 23,16)

Vor einiger Zeit ist mir ein – wie ich finde – wunderschöner Cartoon von Marunde ins Auge gefallen. Im Predigtforum bei facebook war er zu finden. Einer der Kollegen hatte ihn dort eingestellt. Zu sehen ist: Der Blick in eine gut gefüllte Kirche – aus dem Altarraum heraus mit Sicht auf die Kanzel, die Gottesdienstbesucher und die Orgel. Eine schöne Kirche übrigens. Gezeichnet mit viel Liebe zum Detail. Oben auf der Kanzel ein älterer evangelischer Pfarrer, er ist schwarz gewandet. Im Mittelgang der Kirche ein Ehepaar, das im Gehen begriffen ist. Der Pfarrer unterbricht seine Predigt, lehnt sich etwas vor auf der erhöhten Kanzel, blickt das Ehepaar an und fragt: Darf ich fragen, warum Sie den Gottesdienst mitten in der Predigt verlassen? Weiterlesen

Herr O. berührt den Himmel

Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. (Philipper 1,21)

Es gibt Menschen, die wachsen in schweren und ausgesprochen schwierigen Zeiten über sich hinaus und berühren dann sozusagen den Himmel. Ein schöneres Bild ist mir jetzt nicht eingefallen, aber ich möchte es Ihnen auch gern erklären: Ich begleite zurzeit Herrn O. Kennengelernt haben wir uns im vergangenen Jahr, irgendwann im Sommer. Er rief mich an, wollte nur reden, hat er gesagt und klang etwas atemlos dabei.

Als Pfarrerin ist man dann aber auch auf alles vorbereitet. Wir haben uns getroffen und geredet. Viel geredet. Er hat erzählt und ich habe erst einmal zugehört, nachgefragt, mit ihm überlegt. Was war passiert? Er war ins Krankenhaus gekommen, weil es ihm nicht so gut ging und wurde auf den Kopf gestellt und gefunden hat man eine Tumorerkrankung. Wie Ärzte dann so sind, hatten die auch schon einen Plan im Kopf, wie es für ihn weitergehen könne. Diese und jene Therapie wollten sie mit ihm machen, er solle gleich da bleiben und sich ganz in ihre Hände begeben.

Und er? Er wirkte auf mich zunächst grummelig, dann auch unsicher und vor allem abwehrend. Das alles wollte er gar nicht. Es war alles zu viel und vielleicht war es ja auch der Wille Gottes, dass er das jetzt aushalten müsse. Wir haben viel geredet, das tun wir noch immer, und wir schreiben uns jetzt auch. Und wenn ich ihm jetzt begegne oder von ihm lese, dann geht mein Herz auf. Weiterlesen