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Auf der Suche nach Gott

Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, so christlich, dass wir vom Weltlichen abgeschottet wurden. In meinem Elternhaus gab es weder unchristliche Bücher noch gab es einen Fernseher und es war verpönt, das Radio laufen zu lassen und Schlager oder sonstige weltliche Musik zu hören. Es galt als selbstverständlich, dass nur wir den wahren Glauben haben und die Welt da draußen etwas Fremdes, etwas Feindliches und einfach nicht das Rechtmäßige war. Das mag sich sehr eingeschränkt anhören, aber ich habe als Kind dafür sehr viel Liebe bekommen und eine Geborgenheit empfunden, die ihresgleichen sucht. Mit keinem Elternhaus meiner „weltlichen“ Schulfreundinnen hätte ich tauschen wollen.

Als ich älter wurde, drängte sich mir die Frage auf, warum soll ich das Glück haben, den einzig richtigen Glauben zu haben, nur weil ich in diese meine Welt hineingeboren bin? Es gibt so viele andere Lebewesen auf dieser Erde, warum sollte ausgerechnet ich das einzig Wahre einfach so bekommen haben? Und ich wollte mich auf die Suche machen.

So ging ich in ganz unterschiedliche, mir fremde Welten, versuchte mich dort zu sozialisieren und gleichzeitig dieses Fremde, dieses Andere zu inhalieren. Das heißt, ich nahm das Neue nicht nur über den Intellekt auf sondern ich identifizierte mich damit. Ich war wirklich sehr offen dem Fremden gegenüber, so offen, wie ich es sonst nur bei Kindern erlebt habe; und mit dem vollsten Vertrauen, wie es sonst auch nur Kinder haben. Dieses Vertrauen aber war es, was mir schließlich einige Blessuren einbrachte, bis ich feststellte, dass jeder in seinem eigenen, mehr oder weniger großen, jedoch meistens kleinen Weltall sich bewegte, das er sorgfältig von den anderen abgrenzen musste, denn diese waren feindlich.

Warum? Weil sonst das mehr oder minder kleine Weltall, das diese Menschen um sich herum aufgebaut hatten, sonst nicht mehr ihr Weltall, ihr Reich war, in dem sie sich zurechtfanden und das sie mit ihrer Realität verbanden. Aber es war jedes Mal eine illusionierte Realität und für diejenigen, bei denen ich suchte, immer verbunden mit einer Stärkung ihres eigenen Egos – indem sie das andere geringer einstuften. So verfuhr jeder, den ich als Wegweiser ausgesucht hatte. Selbst in dem, von der Sache her, sehr liberalen Buddhismus erlebte ich dieses Phänomen.

Irgendwann wurde mir klar: Denjenigen, die meinten, die absolute Wahrheit für sich zu beanspruchen, stand ihr eigenes Ego im Weg – denn das Ego schränkt immer den Blickwinkel ein. Das ist ja auch oftmals notwendig, um seine Ziele zu erreichen und von daher nicht als gut oder schlecht zu bewerten. Jedoch, um Gott für sich erfahrbar zu machen, brauchen wir einen weiten Raum und den müssen wir auch sehen und erkennen können. Heißt es doch in der Bibel „… du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9). Und lesen wir nicht „…Wer mich finden (mir nachfolgen) will, der verleugne sich selbst…“ (Matthäus 16,24)?

Religion ist generell keine Wissenschaft, in der es etwas zu beweisen gilt. Es gibt nur etwas zu erfahren – deswegen heißen die Wegweiser in der Bibel auch: Glauben, Hoffen, Lieben. Und „…die Liebe aber ist die Größte unter Ihnen“ (1. Korinther 13,13).
Und was den Buddhismus betrifft: Ich habe viel von dessen Spiritualität lernen können und hilfreich ist auch, dass die Moral dort nicht so vordergründig ist, wie bei den Christen. Beides sind, in meinen Augen, Schwachpunkte bei den Christen: das Erstere zu wenig. Letzteres zu viel. Die Werte sind dennoch die gleichen, bei den Buddhisten wie bei den Christen. Sogar die Zehn Gebote gehen mit ihren Wertevorgaben konform einher. Die Buddhisten erweitern die Gebote sogar noch auf alle Lebewesen, wenngleich sie wohl nie von „Geboten“ sprechen würden.

Das Endergebnis des Buddhismus gestaltet sich dann doch etwas anders. Es ist wirklich eine hohe Kunst, leer zu werden (das hohe Ziel des Buddhisten), aber für mich bedeutet dieses leer Werden nicht das Ende, das Ziel – sondern es ist eine wunderbare Voraussetzung, um letztendlich mit dem Geist Gottes gefüllt werden zu können und dadurch erfüllt zu werden. So werden Leere und Fülle gleichermaßen wirksam.

Elke Hilbert

Ein Gedanke zu „Auf der Suche nach Gott

  1. Ein mich sehr ansprechender Text. Gerade auch in der Beschreibung der Falle der „Rechtgläubigkeit“, der ich auch und gerade im Raum der evangelischen Kirchen leider immer wieder begegne.

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