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30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall – Deutsche Einheit

1 | Im April 2019 habe ich mit meiner Frau Leipzig besucht. Eine Führung zur Erkundung der Stadt gehörte zu unserem Programm dazu. Die Stadtführerin erzählte mit Stolz und sichtbarer Emotion von den Ereignissen in Leipzig, die vor 30 Jahren, vor allem im Herbst 1989, zur friedlichen Revolution in der damaligen DDR beigetragen haben. Sie wählte als Aufhänger dafür ein Denkmal, das zum zehnten Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig errichtet wurde. Es steht vor der Nikolaikirche, dort wo die großen Montagsdemonstrationen in Leipzig ihren Ausgangspunkt nahmen.

Eine Säule erinnert an diesem geschichtsträchtigen Ort auf vielschichtige Weise an den Herbst 1989. Zum einen soll sie an den friedlichen Charakter der Revolution erinnern. Gerade die Kirchen in der DDR hielten die Gewaltfreiheit von den kleinsten Anfängen des Protests bis hin zu den großen Massendemonstrationen hoch. Sie hatten damit – unter Zittern und Bangen und zum Teil wider Erwarten – Erfolg. Gleichzeitig wird mit der Säule der Gedanke des Aufbruchs der Menschen 1989 symbolisch aus der Kirche hinausgetragen. Die Säule ist ein  klassizistisches Architekturzitat der Säulen aus dem Kirchraum der Nikolaikirche. Das, was im Schutzraum der Kirche begann und im Laufe der Jahre als Bewegung immer größer wurde, wurde aus der Kirche hinausgetragen in die Gesellschaft und hat sie verändert. Schließlich erinnert die Säule an die Freiheitsbäume der Jakobiner, einst wichtiges Symbol der französischen Revolution.

Der Stadtführerin war es wichtig, den offenen und toleranten Charakter ihrer wachsenden und selbstbewussten Großstadt Leipzig hervorzuheben. Deshalb waren auch sorgenvolle Äußerungen zu den gefährlichen Bestrebungen und erst recht den Erfolgen der AfD zu hören. Sie stellte unüberhörbar und stolz die Errungenschaften der friedlichen Revolution, gerade für uns heute, heraus.

2 | Fast wie ein Kontrastprogramm zur Feier vor 20 Jahren, wie sie etwa in der Errichtung der Säule zum Ausdruck kam, erschienen mir im letzten Jahr die Feierlichkeiten rund um den 9. November zum Tag der Maueröffnung vor 30 Jahren. Die mediale Berichterstattung über diesen Meilenstein bei der Wiedervereinigung Deutschlands machte auf mich weniger den Eindruck eines Feiertags, als den eines Tags der Buße und der Umkehr. Das, was im vereinten Deutschland im Osten alles noch nicht erreicht war, prägte die Diskussionen.

Und wie sah die Stimmung in diesem Jahr am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit aus? Mir  scheint, vielleicht sogar coronabedingt, eine etwas differenzierte Sicht auf die damaligen Ereignisse und vor allem auf die gegenwärtigen Herausforderungen vorzuherrschen. Doch auch da wurde das, was noch nicht erreicht ist, was im Prozess der Gestaltung der Einheit schlecht gelaufen ist, viel stärker aufgegriffen zu werden.

3 | Ist das eine verkehrte Welt? Fragt man nämlich zeitgleich die Menschen in Deutschland nach ihrem persönlichen Erleben zeigt sich ein anderes Bild. Die Deutsche Post gibt seit einigen Jahren eine umfassende Erhebung heraus, den sogenannten „Glücks­atlas“. Demnach war die Lebenszufriedenheit der Deutschen noch nie so hoch wie 2019. Sie lag damit (vor Corona) bei 7,14 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10. Damit wird das Ergebnis von 7,05 Punkten aus dem Vorjahr um 0,09 Punkte verbessert. Das ostdeutsche Glücksniveau stieg sogar um 0,11 Punkte auf das Allzeithoch von 7,0 Punkten, der höchste Wert, der jemals seit dem Mauerfall gemessen wurde. Der Glücksabstand zwischen West- und Ostdeutschland verringerte sich weiter auf 0,17 Punkte.

4 | Ich finde es hilfreich, die Verhältnismäßigkeit bei der Einschätzung von dem, was vor 30 Jahren geschah und sich seitdem entwickelt hat, zu behalten. Nicht der Traum von überall blühenden Landschaften kann der Maßstab unserer Beurteilung sein, sondern nur der Vergleich von dem, was 1989 Realität war, mit der heutigen Situation. Aufschlussreich ist ebenfalls der nüchterne Blick auf die osteuropäischen Nachbarn, um zu sehen, wie viel sich tatsächlich verändert hat. Das lässt sich ebenso am Glücksatlas ablesen. Spitzenreiter in Europa ist Dänemark (8,9), Schlusslicht Bulgarien (4,5). Auch hier gilt: die europäischen Nationen sind in Sachen Zufriedenheit 2019 erneut enger zusammengerückt.

Mir wurde der Kontrast der Entwicklung und der unterschiedlichen Einschätzungen bei einem Besuch der Arbeitsgemeinschaft der Großstadtdiakonien in Deutschland in Dresden im November 2019 deutlich. Ein Gespräch mit Oberbürgermeister Dirk Hilbert und Sozialbürgermeisterin Dr. Kristin Kaufmann zeigte, welche Entwicklung Dresden genommen hat und welchen Rahmen soziale Arbeit in der boomenden Großstadt hat. Die äußerst positiven wirtschaftlichen und sozialen Daten der sächsischen Hauptstadt sind inzwischen ziemlich weit entfernt von der Situation einer Großstadt des Ruhrgebiets wie Essen das ist. Nur ein Beispiel: Die Arbeitslosigkeit betrugt dort 5,5%. Essen hingegen freute sich, 2019 endlich das erste Mal seit Jahrzehnten eine Arbeitslosenquote von unter 10% erreicht zu haben. Das stellt einen deutlichen Kontrast zu dem hohen Stimmenanteil der angeblich Abgehängten dar, die in der Stadt zu Stimmen für die AfD von über 20% bei den letzten Wahlen geführt haben.

Hier scheint mir ein Phänomen vorzuliegen, das in der Soziologie als Tocqueville-Paradoxon bezeichnet wird. Es ist nach dem französischen Publizisten, Politiker und Historiker Alexis des Tocqueville benannt, der im 19. Jahrhundert zur amerikanischen und zur französischen Revolution geforscht hat. Er hat festgestellt, dass sich mit dem Abbau sozialer Ungerechtigkeit gleichzeitig die Sensibilität gegenüber verbleibenden Ungleichheiten erhöht. Diese Analyse kommt mir nicht nur im Verhältnis von Ost und West in Deutschland ziemlich stimmig vor.

5 | Der Blick auf die beeindruckende Entwicklung der letzten 30 Jahre sollte uns davon abhalten, Geschichtsklitterern auf den Leim zu gehen, die immer noch oder wieder von der Übernahme der DDR durch den Westen reden. Am Anfang der Proteste in der DDR standen die kleinen Bürgerrechtsgruppen und Aktivisten aus dem Bereich der Friedens- und der Ökologiebewegung. Sie stritten im demokratischen Schutzraum der Kirchen, vor allem der evangelischen Kirche, für einen „dritten Weg“, einen erneuerten Sozialismus mit menschlichen Antlitz. Die Öffnung in der Sowjetunion mit Glasnost und Perestroika und die Ausreisebewegung vieler DDR-Bürger über die anderen Ostblockländer verliehen den Protesten eine immer größere Dynamik.

Die Massendemonstrationen in vielen Städten der DDR und am 4. November 2019 auf dem Alexanderplatz in Berlin führten dann zum Sturz der SED-Regierung. Sie sollten eine „Wende“ in der DDR herbeiführen, keine Revolution. Doch je mehr tatsächlich demokratische Wahlen stattfanden, je mehr Menschen nach der Maueröffnung von Ost nach West flüchteten bzw. umzogen, desto lauter wurde der Ruf nach der möglichst schnellen Wiedervereinigung und der D-Mark für alle, jetzt. Die Wahlergebnisse, besonders der Volkskammerwahl 1990 in der DDR sprachen für sich. Die Begeisterung in der alten Bundesrepublik für dieses Vorgehen hielt sich zunächst – vorsichtig gesagt – stark in Grenzen, was heute oft unterschlagen wird. Das war bei mir persönlich nicht anders. Ich gestehe gerne, dass im Nachhinein Helmut Kohl wahrscheinlich mit am besten die einmaligen Chancen und Notwendigkeiten des Momentums erkannt und glücklicherweise genutzt hat.

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wurde die freiheitlich-demokratischen Grundordnung samt der sozialen Marktwirtschaft zur Grundlage des gemeinsamen gesellschaftlichen Lebens – Gott sei Dank. Dass auf dem Weg Fehler gemacht wurden ist klar, wie sollte es anders sein. Was geschafft wurde, ist umso erstaunlicher. Die Grundlage, auf der wir mit dem Grundgesetz aufbauen ist eine anstrengende Lebensform. Aber sie ist immer noch der beste Rahmen den wir kennen, um Schritt für Schritt positive Veränderungen in unserer Gesellschaft zu erreichen.

6 | 30 Jahre Friedliche Revolution, 30 Jahre Mauerfall, 30 Jahre Wiedervereinigung. Ich nehme aus dem Rückblick zwei Aufträge für die Zukunft mit.

Zum einen: „Ihr seid zur Freiheit berufen“ erinnert der Apostel Paulus im Galaterbrief 5,13. Mitglieder des Kirchenvorstands der Leipziger Nicolaikirche etwa sehen die Rolle ihrer Kirche bei der Wende im Rückblick sehr nüchtern. Sie haben miteinander gerungen um die Öffnung ihrer Kirche für die Montagsgebete. Sie waren erstaunt über das, was sich entwickelt hat. Im Nachhinein sprechen sie von einen Wunder. Das ist es auch. Es zeigt, was Menschen bewegen können im Kampf für Freiheit und für die Durchsetzung der Menschenrechte. Die friedliche Revolution hat gezeigt, welche katalysatorische Funktion Kirchen in diesem Ringen übernehmen können. Wir brauchen noch viel mehr von solchen Wundern, hier bei uns und weltweit.

Zum anderen höre ich den Monatsspruch für den Oktober 2020 aus Jeremia 29,7: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ Ich übertrage für mich: Wir sollen das Beste des ganzen Landes suchen. Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kennt 2020 in Deutschland noch ganz andere Konfliktlinien als die zwischen West und Ost. Ich greife nur das Gefälle von prosperierenden Großstädten und ausblutenden Landstrichen, die ungleichen sozialen Chancen im Bildungssystem oder die Realitäten des Einwanderungslandes Deutschland heraus. Vielfältig und facettenreich sind die Menschen in unserem Land mit ihren oft so erstaunlichen Lebensgeschichten und Lebensleistungen. Wir brauchen jede und jeden davon, um das Leben in unsrem Land gut und innovativ zusammen zu gestalten. Der christliche Glauben wird für viele weiter die grundlegende Motivation sein, um dabei mitzutun, im Osten wie im Westen.

Andreas Müller